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Krieg um die Wahrheit – schlecht fürs Klima

Ein Missionar im öffentlichen Gewitter: Klimaforscher Stefan Rahmstorf (Foto:PIK)

Missionare sind furchtbar, vor allem wenn sie sich im Besitz der absoluten Wahrheit glauben – sie erkennen nicht, dass die Welt aus vielen Perspektiven besteht. Dabei geht es in der Wissenschaft gar nicht um Wahrheit, sondern um Wirklichkeit. Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat vorgeführt, welches Kommunikations-Desaster ein renommierter Wissenschaftler anrichten kann, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit glaubt, und sie auch noch missionarisch durchzusetzen versucht.

Der Reihe nach: Rahmstorf wurde vom Landgericht Köln zur Unterlassung herabsetzender Äußerungen über die Wissenschaftsjournalistin Irene Meichsner verurteilt. Vorausgegangen war ein monatelanger Streit um Korrektheit und Quellen eines Beitrags der Journalistin in der Frankfurter Rundschau, in dem sie die wissenschaftlichen Belege einer Aussage im Klimabericht des Weltklimarates (IPCC) angezweifelt hatte. Der Witz: Rahmstorf ist zwar im IPCC, hat aber an diesem Abschnitt über Afrika gar nicht mitgewirkt.

Muss denn ein Streit um Fakten gleich so erbittert geführt werden, dass ein Gerichtsverfahren daraus entsteht? Denn bevor es bis zum Landgericht kommt, geht ja einiges voraus. Wer als Wissenschaftler meint, er müsse für seine Sicht der Welt gegen alle kämpfen, die eine andere Meinung haben, verkennt, dass auch Forschungsergebnisse nur eine bestimmte Perspektive der Welt sind. Wie verunsichert muss er in seiner eigenen Position sein, dass er aus Unnachgiebigkeit einen derartigen Kommunikationsschaden anrichtet: Denn durch den Streit um Details, die ohne diese Auseinandersetzung wohl kaum jemand wahrgenommen hätte, hat jetzt seine Glaubwürdigkeit erheblichen Schaden genommen, aber auch die Reputation seines Instituts, des Weltklimarates und der Klimaforschung insgesamt. Si tacuisses, philosophus mansisses.

Und wo waren die Kommunikatoren? Denn der Klimaforscher arbeitet ja in einem Institut, das oft im Licht der Öffentlichkeit steht und das ein Team kompetenter Forschungssprecher hat. Hat der Forscher seinen Feldzug gegen die Ungläubige allein geführt, ohne seine Fachleute einzuschalten? Haben diese nicht versucht, ihn zu bremsen? Wie auch immer, der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle der Forschungssprecher in der Wissenschaft: Sind gelten oft leider noch immer als ausführende Helfer, aber nicht als die berufenen Berater der Forscher. Denn das würde auch bedeuten, dass der Professor auch einmal schweigt, wenn es besser für ihn, sein Institut oder für die ganze Disziplin ist. Doch wo werden die Wissenschaftskommunikatoren schon als Berater gesehen? Der Fall zeigt, wie notwendig es ist, dass dies nicht nur in Ausnahmefällen zutrifft.

Als Journalist hatte ich auch immer wieder, teils heftige Auseinandersetzungen mit Wissenschaftlern. Einmal hat mir einer in einem Schreiben eine millionenschwere Schadenersatzklage angedroht, weil er in einem Ranking (das ich nicht einmal selbst erstellt, sondern nur veröffentlicht hatte) auf Platz vier stand und nicht auf Platz eins. Nach einiger Zeit haben wir miteinander gesprochen. Heute arbeiten wir streckenweise sogar zusammen. Ich halte dies für besser, als vor Gericht zu ziehen.

6 Antworten auf „Krieg um die Wahrheit – schlecht fürs Klima“

Das ganze erinnert mich sehr an die Auseinandersetzungen zwischen Vegetariern und Fleischessern…..90 Prozent Emocion

Herr Korbmann,

das ist jetzt hoffentlich nicht Ihr Ernst.
Es ist diese Nachlässigkeit hinsichtlich der Sachlage, die mich so ärgert.

Sie sprechen von Nachtarocken. Wer bitte schön hat in dieser Angelegenheit nachtarockt?

Herr Rahmstorf hat einen Fehler gemacht und ist dafür vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Herr Rahmstorf hat sich in der Folge nie wieder in dieser Angelegenheit geäußert.

„Nachtarockt“ (Sie haben diesen Begriff eingeführt) haben
– Markus Lehmkuhl im WPK Quarterly
– Spiegel Online mit „Eklat um…“
– und letztlich Sie mit diesem Blogbeitrag

Aber wenn es nun Bloggerkollegen von Herrn Rahmstorf zu viel wird und sie ihre Sicht der Dinge äußern, dann, ja dann ist es für Sie Nachtarocken und Rechthaberei!

Lieber Herr Korbmann,

ich hoffe, dass wir bei Gelegenheit in einem persönlichen Gespräch diese enttäuschende Angelegenheit werden aufarbeiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Richard Zinken

„…dass es für alle viel besser wäre, zu schweigen.“

Aber für diesen Blogbeitrag hat es dann doch noch gereicht, oder? Das Schweigen sollte erst hinterher beginnen?

Ich meine, ich muss hier einmal die Gardinen zurecht rücken. In meinem Beitrag ging es nicht darum, ob der Artikel von Frau Meichsner gut oder schlecht war, ob Herr Rahmstorf – den ich persönlich kenne und schätze – recht oder unrecht hatte: Es geht um das Kommunikations-Desaster – für Rahmstorf, die Klimaforschung, ja die ganze Wissenschaft – das mit dem ganzen Vorgang angerichtet wurde.
Und das wird durch Nachtarocken, Rechthaberei und Solidaritätserklärungen nur noch verschlimmert, egal von wem das kommt. Ich bin kein Fachmann für Klimaforschung, muss es auch nicht sein, um zu sehen, dass es für alle viel besser wäre, zu schweigen. Das Kind ist nun einmal in den Brunnen gefallen – aus welchen Gründen auch immer. Da ist das einzig Sinnvolle, es so schnell wie möglich zu retten – und nicht ausgiebig darüber zu diskutieren, wer nicht aufgepasst hat.

Die Glaubwürdigkeit von Herrn Prof. Rahmstorf hat in keinster Weise Schaden genommen. Seine Kritik an dem Artikel ist in keinster Weise widerlegt worden.
Die Frankfurter Rundschau hatte Rahmstorf tatsächlich gebeten, den Namen von Frau Meichsner zu löschen, was Rahmstorf mit einem E-Mail auch bewiesen hat. Dies geschah allerdings nicht im Namen von Frau Meichsner, sondern gegen ihren Willen. Weswegen dies eine unwahre Tatsachenbehauptung ist, auch wenn Rahmstorf das nicht wissen konnte.

Und Frau Meichsner hat in der Tat die Argumente von North und Leake wiederholt. Eine eigenständige Einordnung und Qualifizierung der Aussagen der einschlägig bekannten North und Leake fand anscheinend nicht statt. Die Aussage, eine wissenschaftliche Basis fehle, war schlicht falsch. Eine Qualifizierung der Behauptungen von North und inbesondere Leake fand nicht statt. Eigenständige Quellen wurden nicht befragt, wiedergegeben wurden im Artikel vor allem die Zitate von Wissenschaftlern, die von Leake in der Sunday Times berichtet wurden (sowie Konferenzäußerungen von Pachauri). Die Sunday Times wurde bereits einmal gerichtlich zum Zurückziehen eines Artikel gezwungen, in dem Leake Aussagen von Wissenschaftlern falsch wiedergegeben hatte.

Insofern ist der Artikel von Frau Meichsner sicherlich kein Glanzlicht des Qualitätsjournalismus und zeigt, dass man sich die Quellen für seine Inspiration sorgfältig aussuchen sollte. Inwieweit sorgfältige Arbeit samt Quellenbefragungen für einen freiberuflichen Journalisten bei den gezahlten Sätzen überhaupt möglich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Rahmstorfs Wortwahl war in zwei nebensächlichen Punkten schlicht falsch. Auf der anderen Seite war Frau Meichsners Artikel einfach schlecht, und Rahmstorfs umfassend berechtigte Kritik daran in keinster Weise Gegenstand des Gerichtsverfahrens.

Dass diese Geschichte zu einem Urteil, das Monate zurückliegt, ausgerechnet pünktlich zur Klimakonferenz in Durban aufkocht… Tja, was soll man dazu noch sagen.

Lieber Herr Korbmann,

mir ist durchaus bewusst, dass Stefan Rahmstorf nicht zimperlich ist was – auch persönliche – Kritik an anderen betrifft. Ihr Schlusssatz aber „Ich halte dies für besser, als vor Gericht zu ziehen“ vermittelt im Kontext mit der zuvor erwähnten Geschichte meiner Ansicht nach den Eindruck, dass Rahmstorf vor Gericht gezogen sei. Dies war definitiv nicht der Fall. Ich war mittelbar in den Vorgang involviert, da die SciLogs, auf denen er seinen Blogbeitrag veröffentlichte, von Spektrum der Wissenschaft betrieben werden.
Meine Versuche, zwischen den Parteien eine außergerichtliche Einigung zu finden, sind leider gescheitert.
Meiner Meinung nach lag es nicht an Herrn Rahmstorf.

Mit freundlichen Grüßen

Richard Zinken

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