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Best und Worst Practice

Die Fehler der anderen – von Hightech und Huren

Adresse zwischen Hightech und Rotlicht - die neue ADAC-Zentrale, rechts daneben das FraunhoferlHochhaus. Foto: ADAC

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Die „Süddeutsche Zeitung„, die sehr viel Wert auf korrekte Berichterstattung legt, hat in ihrer Wochenendausgabe über die Münchner Hansastraße berichtet. Ein heißes Pflaster, wo neben der großen Fraunhofer Gesellschaft seit Neuestem auch der – noch größere – ADAC seinen Hauptsitz hat, aber ebenfalls – und das ist das Besondere dieser bunten Adresse – Spielhöllen, Kleingärten, Szene-Restaurants, Jugendkulturstätten, Handwerker,  Sexbars und mehrere Bordelle. Alles in einem Umkreis von etwa 300 Metern. Zweifellos ein Thema für eine Lokalreportage. Doch darf der Lokalreporter sich so sehr von Buntem blenden lassen, dass die Fakten, über die er berichtet, zur Nebensache werden? Denn gleich zu Beginn derSZ-Reportage steht der Satz: „Nebenan thront das Fraunhofer-Hochhaus mit seiner grünverspiegelten Fassade. In diesem Institut, so geht die Legende, haben sie mal den MP3-Player entwickelt und die Entwürfe dann so lange im Keller verstauben lassen, bis die Asiaten damit groß rausgekommen sind.“.

Daran stimmt fast gar nichts. Weder wurde der MP3-Player hier entwickelt, noch der Softwarestandard MP3. MP3 stammt – immerhin fast richtig – aus einem Fraunhofer-Institut, aber dem Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Er verstaubte auch nicht im Keller, sondern wurde mit kräftigem Engagement der Fraunhofer-Forscher zu einem internationalen Standard entwickelt, der – nicht aus Asien, sondern aus den USA – per Internet seinen Siegeszug durch die digitale Welt antrat und die Musikindustrie revolutionierte. Es sind eben auch nicht die Asiaten, sondern Apple, die heute den Markt der MP3-Player dominieren.Und verstaubt ist auch nichts: Die Fraunhofer-Gesellschaft kassiert Millionen an Lizenzgebühren.  Soweit die Fehler in einem einzigen Satz. Das ist kein Insiderwissen, sondern heute nach vielfachen Berichten und Zukunftspreis für MP3 wohlfeiles Allgemeinwissen, das man notfalls im Internet mit wenigen Klicks recherchieren kann.

Die Frage aber stellt sich: Wie geht man als Pressesprecher mit so etwas um? Patentrezepte gibt es nicht, nur Anregungen: Der beste Leitfaden für den Umgang ist zweifellos der Humor. Stellen wir uns vor, wir wären der Fraunhofer-Forschungsprecher. Wie wäre es mit einem lockeren Brief an die Lokalredaktion, der vielleicht sogar die Chance hätte, als Leserbrief abgedruckt zu werden. Wie wäre es mit einem heiteren Anruf bei dem Autor der Geschichte? Vielleicht sogar – wenn er dazu bereit ist – eine Einladung zu einer Tasse Kaffee? Vielleicht fallen uns ja einige Themen für lockere Lokalreportagen im Umfeld Fraunhofer ein? Auch die Mikrochip-Techniker etwa wären es sicher einmal wert mit ihren Arbeiten, vor allem aber mit ihren Labors und Arbeitsbedingungen im Lokalteil dargestellt zu werden, nicht nur die Huren und Kleingärtner.

Es gibt sicher viele Wege, um mit den Fehlern der Journalisten umzugehen. Der schlechteste davon wäre, darum zu viel Aufhebens zu machen, die Sache zu ernst zu nehmen. Absichtlich hat der Journalist Fraunhofer sicher nicht in die Pfanne gehauen, er hat es eben nicht besser gewusst und nicht recherchiert (was man eigentlich erwarten dürfte). Das müsste ihm eigentlich peinlich sein. Warum nicht die Gelegenheit ergreifen, ihn sich durch gute Tipps zum Freund zu machen?

Oder aber, er war zu sehr vom Rotlicht in der Hansastraße geblendet und hat eigentlich gar kein Interesse an den Dingen, über die er berichtet, will nur locker formulieren. Auch möglich, aber das sollte eine seriöse Redaktion bald merken – und den Autor aus dem Verkehr ziehen. Fraunhofer kommt übrigens noch ein zweites Mal in der Lokalreportage vor, um damit das ernsthafte, rationale und lustlose Bild von Wissenschaft zu untermauern:“Einen vom Fraunhofer hatte ich noch nie im Bett“, zitiert der Autor eine platinblonde Prostituierte. Kleingärtner dagegen seien schon eher ihr Klientel.

Das ist nun wirklich unterste Schublade.

6 Antworten auf „Die Fehler der anderen – von Hightech und Huren“

Diesen Blogbeitrag hat Bildblog (www.bildblog.de) – einer der renommiertesten medienkritischen Blogs des Landes (der sich keineswegs nur mit der BILD-Zeitung beschäftigt) – am 30. April in seine „6 vor 9“ genannten Tagestipps der „handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien“ aufgenommen. Wir freuen uns über die Anerkennung.

Wenn’s um Technik geht, stehen die sogenannten Qualitätszeitungen sehr schnell und oft mit runtergelassenen Hosen da. Auch wenn’s schon lange her ist: Ich lache heute noch über die Anfang der 1990er veröffentlichte SZ-Geschichte „Übrig bleibt ein Häufchen Staub“, in der behauptet wurde, nach 15 Jahren wären Magnetbänder (also Video- oder Audiokassetten) nicht mehr lesbar, die Aufnahmen futsch.

Auch sehr schön – diese Geschichte: http://www.sueddeutsche.de/kultur/-1.892010
„Deutschland gehört tivomäßig zur digitalen Diaspora. Man muss sich fragen, warum das so ist und TiVo immer noch nicht unserer Alltagskultur erreicht hat.“

Einen Teil der Antwort gibt sich der Autor ein paar Sätze später selbst: „In Deutschland zahlt man etwa 300 Euro für ein digitales Aufzeichnungsgerät – und hält den Fall damit für erledigt. In den USA kommen jedoch noch bis zu 15 Dollar pro Monat für die Intelligenz der verschiedenen Dienste dazu.“ Zu Rundfunk- sowie evtl. Kabel- oder Pay-TV-Gebühren.

Und es könnte auch daran liegen, daß Tivo weiß, was die Zuschauer ansehen. Nach Janet Jacksons „Nipplegate“ verkündete Tivo stolz, diese Szene hätten sich die Kunden am häufigsten mit ihren Tivos betrachtet.

Aber auch hinter der FAZ steckt nicht immer ein kluger Kopf…
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/-11107150.html
„So wie einst Henry Ford mit seinem T-Mobile das erste Massenauto produzierte, ging IBM daran, Computer in Millionen Haushalte zu bringen. (..) Von Hewlett-Packard bis Dell, von Asus bis Toshiba greifen heute bis auf Apple alle großen Hersteller von Personalcomputern auf die Architektur des IBM-PC zurück.“

Ich weiß nicht, was der größere Klops ist: Das „T-Mobile“ oder die Tatsache, daß der Autor nicht mitbekommen hat, daß Apple seit 2006 Intel-Prozessoren (und damit die selbe Technik wie die Konkurrenz) verbaut.

Sehr guter Blogpost – und auch sehr gute Reaktion von Ihnen, Herr Miller! 🙂 Ich hatte die Süddeutsche auf meinem Blog erst neulich kräftig gelobt, da ihnen „wider die Klischees“ eine tolle Ausgabe zu den neuen Mittelschichten außerhalb Europas gelungen war. Ich denke auch, dass sich die meisten Journalisten schon bemühen, aber natürlich auch nicht immer einen guten Tag haben – und zunehmend unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen leiden. Statt wechselseitigen Vorurteilen über „die Wissenschaftler“ versus „die Journalisten“ scheint da ein fairer, heiterer Umgang (aber auch das entsprechende Benennen von „Klöpsen“ in Blogs) der richtige Weg zu sein…

Lieber Herr Korbmann,
ich wollte doch nur ihre Sicht bestätigen und den guten Rat an alle weiterreichen. Wir erleben täglich Klopse in Zeitungen – auch in den renommierten. Da ich das Mediengeschäft kenne, rege ich mich darüber nicht mehr auf, sondern reagiere heiter und gelassen. Ich verteidige täglich die Medien gegenüber unseren Forschern, die oft bei jeder Kleinigkeit eine Richtigstellung verlangen wollen. Ich wundere mich dann nur gelegentlich über die Arroganz von Journalisten, die schlecht recherchieren. Aber dieses wollte ich nicht anmahnen, das müssen schon Journalisten wie Sie tun. Sie haben es an einem Beispiel gezeigt – und das ist gut so. Kurz: Sie haben Ihren Part gut gemacht, ich meinen – und über einen guten Rat freuen wir uns beide.
Übrigens haben die SZ-Lokaljournalisten meine Einladung angenommen. Sie wollen kommen.
Franz Miller

Lieber Herr Miller, mit meinem Beitrag wollte ich Ihnen als hochgeschätztem Profi nicht sagen, was Sie tun sollten. Mein Blog richtet sich an Wissenschaftler und Forschungssprecher, die bei der Kommunikation nicht so viel Hintergrund und Erfahrung haben wie sie, die oft aber auch vor der Situation stehen, die Sie beschreiben – dass sich Wissenschaftler über fehlerhafte Berichte beschweren. Und da denke ich, sollte man nicht überreagieren, auch nicht unter Druck der Forscher. Es geht mir darum, dass Wissenschaftskommunikatoren Berater der Wissenschaftler sind und nicht ihre Erfüllungsgehilfen.
Anprangern von Journalistenfehlern im Internet? Erstens gibt es da schon einige gute Blogs (z. B. Bildblog (http://www.bildblog.de/) oder – medizinisch – Placeboalarm (http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/)), zweitens weiß ich, wie sehr sich die wirtschaftliche und strukturelle Situation der Medien in den letzten Jahren geändert hat. Da schlägt man den Sack statt den Esel. Es ist nicht leicht, mit immer weniger Budget und Personal über ein immer komplexeres Leben zu berichten. Früher wäre etwa ein Lokalreporter wohl nicht in die Verlegenheit gekommen, die Geschichte und Marktsituation des MP3-Players zu schildern, ohne dass er genug Zeit zur Recherche hat. Das ist ja einer (von mehreren) Gründen, weshalb aus meiner Sicht professionelle Wissenschaftskommunikation so wichtig ist. Denn die Defizite der Medien kann man versuchen, durch gute Kommunikation aufzufangen. Und zu dieser Professionalisierung möchte ich mit meinem Blog beitragen. ich denke, das ist wichtiger – und als Einzelner kann ich da mit meiner Erfahrung mehr erreichen – als wenn ich versuche, die Strukturen der Medien zu verändern.

Wenn ich Sie wäre,
lieber Herr Korbmann

würde ich noch häufiger solche Journalisten-Schlampereien an den Pranger des Internets stellen. Vielleicht sollten Sie mit anderen Journalisten ein Portal gründen, das die täglichen Fehler unserer Medien auflistet, um wieder mehr Qualität zu befördern.

Da ich aber nicht Sie bin, sondern der Pressesprecher, der sich mit solchen Fehlern herumschlagen muss, bleibt mir allein der Humor. Denn ich habe täglich mit solchen Klopsen zu tun, und muss ständig unseren Forschern erklären, dass auch solche renommierten Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitungen gelegentlich schlampig arbeiten. Ich habe die Ehrfurcht vor unseren Qualitätsmedien längst verloren, die Fraunhofer-Mitarbeiter nicht. Da es sich in dem beschriebenen Fall nur um eine „normale“ Fehlleistung handelt, hat sich bei uns auch noch niemand richtig aufgeregt.
Ich selbst habe den Artikel erst Tage später bei der Auswertung gesehen, weil ich am Sonntag im ICE auf dem Weg zur Hannover Messe war. Da hatte ich zwar endlich mal Zeit, die ganze SZ zu lesen, leider fehlt in dieser Deutschland-Ausgabe der München-Teil.

Wir wählen normalerweise auch nicht den indirekten Weg über Leserbriefe, sondern sprechen direkt mit der Redaktion. Wenn mir der Autor persönlich bekannt wäre, hätte ich zuerst bei ihm angerufen, so wende ich mich an die Lokalredaktion. Bemerkenswert ist ja, dass wir wenige Tage vorher unsere Ergebnispressekonferenz hatten und es uns nicht gelungen ist, die Lokalredaktion von unseren Themen zu überzeugen. Eigentlich ist der Fehler jetzt für mich ein guter Grund die Lokalredaktion zu bitten, doch einmal auf einen Kaffe vorbeizukommen, damit wir Ihnen zeigen können, dass bei uns nichts verstaubt – nicht einmal die Zeitung von gestern.

Franz Miller
Leiter der Fraunhofer Presse und Öffentlichkeitsarbeit

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