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Wissenschaft und Kommunikation

Zauberlehrlinge? – Was sollen Wissenschaftler denn noch alles können?

Zauberlehrlinge oder Meister? – Thesen zur Wissenschaftskommunikation aus der Hochschule Bremen

Früher waren es, wenn man unseren Märchen vertraut, die Zauberer, die alles möglich machten, die für jedes Problem – ob groß, ob klein – eine Lösung parat hatten. Sie konnten einfach alles, machten alles, machten vor allem alles selbst – bestenfalls der ungeschickte Zauberlehrling durfte ab und zu einmal dazwischenfunken.

Manchmal glaubt man, unseren Traum aus den Märchen müssen heute die Wissenschaftler erfüllen. Auch ihnen trauen die Menschen heute alles zu: zu allem fähig, zu allem ausgebildet, zu allem genügend Arbeitskapazität. Interessanterweise sind es gerade Menschen, die ganz nahe an der Wissenschaft sind, die eigentlich Wissenschaft am besten verstehen sollten, die das Netzwerk der Forschung mit all seinen Besonderheiten am besten kennen  – die diesem Traum besonders ausdauernd träumen, am nachhaltigsten die Wissenschaftler selbst.

Was sollen Wissenschaftler nicht alles können:

  • Die Grundregeln des Universums und ihres Fachs verstehen – kompliziert genug;
  • gute Forschung in ihrer Disziplin betreiben und das Geld dafür einsammeln – ganz schön kompliziert;
  • Studenten und Nachwuchsforscher in Theorie und Praxis gekonnt ausbilden – bestimmt nicht einfach;
  • ihre Forschungsergebnisse mit eigenen Kollegen austauschen – schon wegen der Reisen enorm zeitraubend;
  • komplexe, zum Teil riesige Maschinen für ihre Forschung bauen – vielfach komplizierter als ein Bürohochhaus;
  • und als wäre dies nicht genug, sollen sie auch noch intensiv mit der Gesellschaft kommunizieren, mit Politikern, mit Schülern, mit Journalisten, mit Bürgerintitiativen, mit jedermann – wer gute Kommunikation nur einmal in der eigenen Familie versucht, merkt schnell,  dass es kaum etwas komplizierteres gibt.
Journalistik-Professorin Beatrice Dernbach

Jedenfalls fordert dies Beatrice Dernbach, Professorin für Journalistik an der Hochschule Bremen, gerade heute in der „Süddeutschen Zeitung“, aber auch in ihrem Buch „Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht„. Ihr Argument: „Die Wissenschaftler haben zu legitimieren, wofür sie viele Millionen Euro ausgeben.“ Sie bedauert dabei die Forscher, die Nachteile in der eigenen Zunft in Kauf nehmen, lässt die Wissenschaftler mit Journalisten abrechnen, die an ihnen „ziehen“, und  beklagt den hohen Aufwand, die Medienarbeit für den Wissenschaftler erfordert. „Ihm fehlt diese Zeit, um zu forschen.“

Und die Wissenschaftlerin, die selbst einen Studiengang für Wissenschaftskommunikation anbietet,  merkt gar nicht, dass sie gleich eine Begründung mitliefert, weshalb das nicht funktionieren kann: Wer 130 bis 160 Medienaktivitäten pro Jahr unternimmt, Interviews, Fernsehauftritte, eigene Artikel, kommt schon aus zeitlichen Gründen nicht mehr dazu, all die Aufgaben zu bewältigen, die wir oben für einen guten Forscher geschildert haben. Wenn aber andererseits Wissenschaftler keine ordentliche Forschung machen, dann wird die Gesellschaft bald fragen, ob sie – trotz höchstem Unterhaltungswert in Hörfunk und Fernsehen – noch die vielen Millionen Euro wert sind, ganz abgesehen von den anderen Privilegien der Wissenschaft.

Es ist ein Irrweg, Wissenschaftler zu den Komunikatoren ihrer Forschung machen zu wollen. Natürlich brauchen die Medien Persönlichkeiten als Gallionsfiguren, die personifizieren, was Wissenschaft ausmacht. Aber die Gesellschaft braucht vor allem exzellente Forschung und die Wissenschaftler, die alles dafür tun. Auf der anderen Seite braucht Wissenschaft wirklich professionelle Kommunikation, nicht nur so nebenher. In unserer Medien-beherrschten Gesellschaft ist nur noch das etwas wert, was auch wahrgenommen wird. Wer da aber erst einmal „Pflichtbewusstsein“ von den Bürgern fordert oder von Journalisten, gleich welcher Ausrichtung,  wissenschaftliche Vorbildung, verschwindet bald im Nirwana der Nichtbeachtung.

Funktionieren kann professionelle Wissenschaftskommunikation nur, wenn auch in Deutschland Wissenschaftskommunikatoren professionell ausgebildet werden, wenn sie die besonderen Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Welt beherrschen, aber auch fähig sind, Kommunikation zu verstehen, zu planen und auszuführen, und wenn sie im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle bekommen als Partner, Berater und Kommunikatoren der Forscher. Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation „NaWik„, wie es jetzt in Karlsruhe entsteht, ist da ein Hoffnungsschimmer.

In anderen Bereichen der Gesellschaft ist längst erkannt, welch wichtige Rolle die Außendarstellung und damit die professionellen Kommunikatoren in dieser Gesellschaft spielen, etwa in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport oder in der Kultur. Schmalspurwissenschaftler, die gelernt haben, eine Reportage zu schreiben, genügen da sicher nicht. Dazu ist Kommunikation nun wirklich zu komplex (siehe oben).

5 Antworten auf „Zauberlehrlinge? – Was sollen Wissenschaftler denn noch alles können?“

RK >> …ein Irrweg, Wissenschaftler zu den Komunikatoren ihrer Forschung machen zu wollen.
Natürlich ist diese Debatte so alt wie die Forschungskommunikation selbst. Und es gibt darauf auch keine pauschale Antwort. Einige Forscher sind bessere Kommunikatoren als ihre Pressesprecher es jemals sein werden; anderen wiederum tut man auch nach 7 Interviewtrainings noch keinen Gefallen, sie vor die Kamera zu zerren. Wichtig ist die grundsätzliche Bereitschaft, das (in Tat zumindest im Hochschulkontext steuerlich finanzierte) Wissen zu teilen und die eigenen Forschungsansätze an den gesellschaftlichen Diskursen auszurichten, also auch mal zuzuhören, wie die Bürger und die Märkte so ticken. Dieser Dialog ist überfällig und funktioniert noch nicht einmal ansatzweise. Die vermeintliche Professionalisierung im PUSH-Jahrzehnt hat uns an dieser Stelle kaum weiter gebracht und ist heute sogar nicht mehr nur Lösung, sondern auch ein Teil des „Problems“. Dies hier auszuführen, ist in ein paar Zeilen schwierig, aber gestatten Sie mir kurz die Eigenwerbung für die für den Stifterverband erstellte Trendstudie Wissenschaftskommunikation (http://wk-trends.de), insbes. Das Kapitel „Kommunikationspflicht oder nicht?“. Die Experten machen darin u.a. deutlich, dass Kommunikation (a) als Managementaufgabe verstanden werden muss, dass sich (b) das Berufsbild geradezu paradigmatisch gewandelt hat und die klassische „Wer kommuniziert eigentlich“-Frage längst nicht mehr den Kern der Sache trifft, dass es (c) um die Frage der Wertschätzung von „Public Scientists“, (d) um gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaftskommunikation zur stellvertretenden Abwägung von Risiken und Nutzen und (e) um die geradezu demokratietheoretische Frage geht, ob im „Piraten-Jahr“ 2012 wirklich noch geschlossene Gutachterzirkel als „Black Box“ autark über die Schwerpunkte deutscher Forschung entscheiden sollten. Nicht zuletzt wird dabei (f) deutlich, dass die verkrusteten Strukturen eines vorrangig reputationsorientierten Systems einen Fortschritt in all diesen Punkten massiv behindern. In jedem Fall ist die von Ihnen aufgeworfene Frage also weitaus differenzierter zu betrachten, denke ich. Noch ein nettes Zitat aus der Studie: „Fußballspieler müssen Fußball spielen können, nicht gut in Interviews aussehen.“ (Matthias Spielkamp, Freier Journalist und Träger des Grimme-Online-Awards)

RK >> …da sind Wissenschaftler allein… überfordert.
…und genau das sagt Frau Dernbach auch auf Seite 16: „Wissenschaftskommunikation ist Management, und das kann man nicht Wissenschaftlern überlassen.“
😮

BD >> Die Medien brauchen Geschichten und Gesichter…
RK >> Wir brauchen ja diese Gallionsfiguren…
Naja, Vorsicht! Personalisierung in der Wissenschaft sehe ich als ein äußerst zweischneidiges Schwert. Einerseits funktionieren so nun mal Medien – und zwar nicht nur die klassischen, sondern vor allem die sozialen! All unsere Entwicklungsszenarien (siehe Studie oben) zeigen daher, dass wir nicht weniger Personalisierung erleben werden, sondern mehr. Andererseits: Hier eine Verzerrung zu vermeiden, dass vor allem diejenigen medial Gehör finden, die am lautesten tönen können, ist auf mehreren Ebenen eine riesige Herausforderung. Nehmen Sie allein schon die Veränderungen im Publikationswesen: Gerade klassische Medien wie die von Ihnen oben zitierte SZ bedienen sich bei Ihrer Recherche zu wissenschaftlich-technischen Themen in einem bedenkenswert stark steigenden Maße aus frei zugänglichen Open-Access-Quellen, weil dies nun mal leichter, schneller, billiger ist – auch hier führen Veränderungen in der Kommunikation also letztlich zu Verzerrungen, die es zu bedenken gilt.

BD >> Wissenschaftler haben zu legitimieren, wofür sie viele Millionen Euro ausgeben…
Es sollte uns mehr um Motivation statt um Legitimation als Argument für Transparenz gehen. Auch die o.g. systemischen Veränderungen wären allein für sich kontraproduktiv, die die meisten Wissenschaftler wohl vorrangig intrinsisch motiviert sind.

RK >> …ein Hoffnungsschimmer.
Ihre Schlussfolgerung hinsichtlich des „NaWik“ kann ich nicht nachvollziehen, da dieses meiner Kenntnis nach gerade nicht auf die Professionalisierung der Kommunikatoren einzahlt, sondern genau die von Ihnen kritisierte Medialisierung der Wissenschaft durch Medientraining der Forscher betreiben will. Die Community wartet hier mit Spannung darauf zu erfahren, wer dort in Karlsruhe mit welcher Strategie was für wen und vor allem ab wann anbietet. 😉

Liebe Frau Dernbach, wir sind uns ja einig, dass Wissenschaftler auch kommunizieren sollen, wenn sie die nötige Zeit, die Lust und das Talent(!!!) dazu haben, manche können es sogar recht gut. Wir brauchen ja diese Gallionsfiguren. Aber ist ein Interview, ein 30-Sekunden-Statement im Fernsehen oder ein Original-Artikel in der Tageszeitung schon alles, was Wissenschaftskommunikation leisten muss?
Ich verstehe darunter sehr viel mehr, etwa Profil und Botschaften entwickeln, Strategien und Konzepte erarbeiten, Zielgruppen und Medien identifizieren, usw. usw….(siehe unser Live-Projekt auf diesem Blog: http://wissenschaftkommuniziert.wordpress.com/category/das-live-projekt/). Da fängt Kommunikation doch an, wirklich komplex und arbeitsaufwändig zu werden. Das aber muss für eine professionelle Wissenschaftskommunikation geleistet werden, und da sind Wissenschaftler allein,die das neben ihrer Forschung machen sollen, überfordert. Da brauchen sie professionelle, gut ausgebildete Kommunikatoren, die das Feld Wissenschaft ebensogut verstehen wie das der Kommunikation. In Unternehmen entwickeln auch nicht die Chefs selbst die Kommunikationsstrategien (noch nicht einmal die Pressemitteilungen oder Statements), und doch erscheinen sie als Gallionsfiguren vor den Kameras.
Ach ja, die PUSH-Initiative. Ich war dabei im Mai 1999. Inzwischen sind genau 13 Jahre vergangen, inzwischen hat sich die Welt verändert, vor allem die Welt der Kommunikation durch die Entwicklungen im Internet. Und PUSH kam auch nicht auf Druck von Politik und Wirtschaft zustande, sondern vor allem durch das visionäre Engagement eines Wissenschaftlers. Prof. Treusch bei Ihnen in Bremen erzählt Ihnen sicher gern, wie alles anfing. Und auch bei Ihnen habe ich vom Druck der Geldgeber nicht viel gelesen, die Wissenschaftler dazu drängen, selbst die Kommunikation in die Hand zu nehmen. Im Gegenteil:“Was ist es, was Wissenschaftler in die Medien treibt…?“ oder „Manche Forscher sinken da gerne hin.“
Es führt kein Weg daran vorbei: Wir brauchen professionelle Wissenschaftskommunikatoren und eine gute Ausbildung für sie, wenn Wissenschaft in Zukunft im Konzert der gesellschaftlichen Kräfte noch hörbar bleiben soll.
Mit besten Grüßen
Ihr Reiner Korbmann

Lieber Herr Korbmann,

das ist Kommunikation von Kommunikationsprofis heute: schnell, knackig, provokant! Falls Sie kein Fußballfan sind, können Sie gerne mein Buch und meinen Artikel noch einmal in Ruhe lesen, ab 8. Juni. Mindestens vier Gründe sprechen gegen Ihre Interpretation meiner Texte:
1. Nicht ich fordere von Wissenschaftlern, kommunikative Alleskönner zu sein, sondern die Öffentlichkeit, unter ihnen vor allem Geldgeber aus Politik und Wirtschaft (siehe PUSH).
2. Die Medien brauchen Geschichten und Gesichter. Und Journalisten haben wenig Geduld (ich bin selbst eine…), so dass sie die Wissenschaftler gerne mögen und immer wieder ins Rampenlicht stellen, die kurz, knackig und provokant komplexe Sachverhalte erklären können (vielleicht hat mich deshalb die Süddeutsche um einen Text gebeten?).
3. Wissenschaftler sind Menschen. Will sagen: Wie in allen Berufsgruppen gibt es Menschen, die gerne kommunizieren, auch vor laufender Kamera. Das ist nichts Anrüchiges.
4. Lassen wir doch auch den Wissenschaftlern, denen Medienauftritte Spaß machen, ihren Spaß! Das scheint uns Deutschen, die wir möglicherweise schneller von Neid und Missgunst geplagt sind als andere Völker, schwer zu fallen. Ein lustiger Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin mit Humor, die sich gerne in den Medien äußern? Wenn da mal nichts faul ist….
Aber da ich weiß, auf was Sie eigentlich hinaus wollen, hier noch ein wenig Wasser auf Ihre Mühlen: Es gibt unter Wissenschaftlern seltene kommunikative Naturtalente, die man ruhig alleine reden lassen kann. Und es gibt professionelle Wissenschaftskommunikatoren wie Sie, die dem großen Rest eine Stimme geben sollten. Und in der Tat: Wissenschaftler sind keine Zauberer, sondern sie arbeiten hart an den Erkenntnissen, auf die wir alle dringend angewiesen sind. Aber davon sollen sie uns manchmal selbst erzählen, wenn sie mal zum Luftholen aus ihren Laboren kommen.
Da haben es Menschen wie wir beide leichter: Wir forschen und reden und schreiben über das, worüber wir reden und schreiben. Ganz einfach. Und jetzt haben mich diese Zeilen vom Forschen darüber abgehalten, warum Kommunikation häufig missverständlich ist. Und dass sie auch deshalb gründlich erlernt werden muss.

Mit besten Grüßen,
Beatrice Dernbach

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