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Quo vadis Wissenswerte? – Kontaktbörse oder Insidertreff?

Ein Gastbeitrag von Cornelia Reichert

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Cornelia Reichert

Ab Montag lädt die WISSENSWERTE wieder Freie Wissenschaftsjournalisten, Redakteure und Kommunikatoren ein, drei Tage lang die eigene Branche zu beleuchten, zu hinterfragen, zu diskutieren und sich auszutauschen ­– im Jubiläumsjahr (zum 10. Mal) noch einmal am angestammten Platz in Bremen. Ab 2014 beginnt dann eine neue Ära: Ab 2014, geht die Konferenz alle drei Jahre auf Reisen. Auch das Programm wird künftig „einmal ordentlich durchgeschüttelt“, sagt Holger Hettwer, ein WISSENSWERTE-Macher der ersten Stunde. „Denn wenn wir ohnehin den gewohnten Boden verlassen, können wir auch inhaltlich experimentieren.“ So hat die Sache auch 2004 angefangen – als Tagungsexperiment, das bis heute ganz offensichtlich erfolgreich ist. Zumindest machen sich jedes Jahr mehrere Hundert Gäste auf an die Weser.

Ich muss gestehen, ich selbst gehöre zu den Glücklichen, denn die WISSENSWERTE findet in Bremen statt. Dort wohne ich, ich habe die zentrale Konferenz meiner Zunft also direkt vor der Tür. Und ich bin ins Netzwerk Wissenschaftsjournalismus aufgenommen, denn Logo_Wissenswerte_kleinich habe vor einigen Jahren am Qualifizierungsprogramm Wissenschaftsjournalismus teilgenommen. Das senkt die Tagungsgebühr, aber viel wichtiger ist, dass ich aus dem Netzwerk schon viele Kollegen kenne. Ich freue mich jedes Jahr darauf, sie auf dem großen Dialogforum der Branche zu sehen.

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Volle Säle in Bremen – Bald zieht die Wissenswerte durch die Lande.

Ganz anders sehen das viele Newcomer, denen solche Vorab-Bande fehlen. Sie äußern sich eher verhalten. Es sei schwer, in die „erlauchten, festen Kreise hineinzukommen“, heißt es öfter vage, vor allem von Freien, die meist namentlich nicht genannt sein wollen. Daniela Schmidt aus Hamburg, ist Freie Journalistin, hat die Tagung nur einmal besucht und spricht es klar aus: „Ich, die ich nicht zur trauten Runde gehöre, fühle mich nicht eingeladen.“ Das Problem: Als Noch-No-Name-Freier Kontakt zu bekannten Redakteuren zu bekommen. „Das nehme ich erst mal so hin. Aber es irritiert mich auch“, sagt Hettwer dazu. „Unser Herz schlägt schließlich stark für die Freien.“ Gerade ihnen wolle die Konferenz Unterstützung bieten.

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Networking ist so wichtig wie Information – Nicht alle sind zufrieden.

Ich für meinen Teil fühle mich auch unterstützt. Aber ich brauchte auch „nur“ bereits geknüpfte Netzwerkmaschen enger zu zurren. Ich musste nicht zwischen zig geschlossenen Grüppchen von Menschen, die sich bereits gut kennen, neue Kontakte machen und mich als Fremde in munteres Geplauder mischen. Das fällt sicher nicht leicht. Wer aber meint, es fiele vor allem schüchternen Freien schwer, auf den erkorenen Kreis angestellter Redakteure zuzugehen, der irrt. Auch für einige „Große“, die schon Medienkarrieren mitbringen und sogar Redaktionen leiten, ist die Kontaktemacherei eine Hürde. „Es haben uns tatsächlich auch Journalistenschwergewichte, von denen man nicht glauben würde, dass sie sich in dieser Hinsicht schwertun, angesprochen, wir sollten mehr in Sachen Kontaktbörse tun“, gibt Hettwer zu. Andererseits: Mehr als eine Plattform für den Austausch bieten, kann eine Konferenz kaum. Der Rest muss Eigeninitiative sein.

Newbee oder alter Hase - Orange oder Blau? Farbpunkte für bessere Kontakte.
Newbee oder alter Hase – Orange oder Blau? Farbpunkte für bessere Kontakte.

Um die Teilnehmer etwas mehr zu animieren, gibt es in diesem Jahr jedenfalls ein neues System von Farbpunkten auf den Tagungs-Badges: Orange bedeutet „Ich bin neu auf der WISSENSWERTE – ich würde gerne ins Gespräch kommen.“ Blau wiederum ist die Farbe der „alten Hasen“: „Ich kenne die WISSENSWERTE und stehe Newcomern gerne zur Verfügung – sprich mich an!“ Man müsse also nur noch offen aufeinander zu gehen. Ich gebe zu, mir ist die Farbcode-Idee eher fremd und ich bezweifle etwas, ob sie einen Durchbruch bringt. Aber ich lasse mich gern überzeugen und hefte mir den passenden Button ans Revers.

Und es gebe noch eine Idee, ist aus dem Kreis der Macher zu hören: ein Speed Dating, abgeschaut beim Forum Wissenschaftskommunikation, der heimlichen Konkurrenzveranstaltung mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Bilden dann womöglich die Redakteure einen Außenkreis, die Freien einen Innenkreis, nach zwei Minuten tönt der Gong und der Innenkreis geht eine Person weiter? Nicht ganz. Man bringe vermutlich nicht Freie und Redakteure zusammen, sondern Journalisten und Vertreter aus Pressestellen, munkelt es.

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Closed Circle – die Insider? Joachim Müller-Jung (FAZ), Lilo Berg (Frei) und Martin Schneider (SWR) bei der Wissenswerte 2012.

Nun, den Ausstellern und aktuellen Geldgebern der Konferenz – die fünf großen Wissenschaftsorganisationen Helmholtz, Max-Planck, Fraunhofer, Leibniz und die Deutsche Forschungsgemeinschaft tragen bis 2016 die Hälfte der Kosten für die Programmplanung – dürfte solch Unterstützung beim Kontakt zur Presse gelegen kommen. Am Hauptanliegen der Freien geht das dagegen womöglich vorbei. Aber eine Brücke könnte solche eine Veranstaltung dennoch sein – eine Brücke über den Graben zwischen hehrem Journalismus und „böser“ PR. Ein Thema, das jedes Jahr wieder aufkommt und das durchaus einmal wieder ins offizielle Programm gehöre, findet zum Beispiel WISSENSWERTE-Stammgast Heidrun Riehl-Halen. Denn „das Dogma des hehren Journalisten entspricht doch gar nicht mehr der heutigen Arbeitswirklichkeit“, so die Freie Medizinjournalistin.

Sie und andere wünschen sich auch, dass neben den großen, aktuellen Diskussionen, wie sich der Wissenschaftsjournalismus entwickelt, auch Themen aus dem Arbeitsalltag aufgegriffen werden. Riehl-Halen etwa schlägt die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Journalismus“ vor. Immerhin ist der Journalismus ein Berufsfeld, das Flexibilität und Arbeitseinsatz zuweilen außerhalb der gängigen Arbeitszeiten fordert. Da ist es sicher interessant zu hören, wie Kollegen damit umgehen. Auch Armin Himmelrath, freier Journalist aus Köln, in diesem Jahr zum dritten Mal selbst auf dem Podium und ein paar Male als Besucher auf der Wissenswerte, meldet eine Themenanregung an. „Mein Hauptthema, die Wissenschaftspolitik, kam bisher recht kurz. Nachdem die Tagungsplattform für die Berichterstattung und Kommunikation harter Wissenschaft nun eingespielt ist, halte ich es für an der Zeit, die Politik und Strukturen dahinter als einen wichtigen Punkt mit dazu zu nehmen.“ Wenn also, wie Hettwer sagt, das Programm für 2014 neu zusammengewürfelt wird, taucht das eine oder andere dann ja mit bei den Sessions auf.

Andere Wissenswerte-Besucher haben sich Gedanken gemacht, wie es strukturell mit der WISSENSWERTE weitergehen könnte. Als die Finanzierung der Tagung 2011 kurze Zeit auf der Kippe stand, schlug der Kölner Wissenschafts- und Technikjournalist Thomas Reintjes in seinem Blog vor, mit günstigeren Räumlichkeiten und weniger Vorab-Organisation die Wissenswerte zum Barcamp zu machen: Inhalte und Ablauf gestalten die Teilnehmer hierbei vor Ort selbst.

„Vorstellen kann man sich das. Natürlich. Wir halten jedoch mit einem qualitativen Argument dagegen: mit der unabhängigen Programmplanung. Wir arbeiten immer intensiv an der Gestaltung der einzelnen Veranstaltungen mit, recherchieren und klopfen die Themen einzelnen ab, wie weit sie tragen, und sprechen mit jedem Referenten. Das ist aufwendig und teuer und braucht übers Jahr gerechnet eine feste Stelle. Aber das macht unserer Meinung nach auch einen entscheidenden Qualitätsunterschied aus“, hält Hettwer entgegen.

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Die Brücke zwischen PR und Journalismus? Eine Ausstellung von Instituten und Industrie begleitet die Wissenswerte.

In der Tat hebt sich die Wissenswerte damit von dem Reigen der deutschen Kommunikations-Konferenzen wie dem Forum Wissenschaftskommunikation oder der re:publica ab. Beide arbeiten mit einem Call for Proposals: Die Themenvorschläge kommen von außen und die Referenten organisieren die Veranstaltungen selbst. Eine Qualitätskontrolle vorab ist schwer.

Nun, auch wenn bei der WISSENSWERTE vorher alles akribisch unter die Lupe genommen wird, gibt es auch dort mal Referenten, die nicht gut reden können, oder Moderatoren, die eher Ansager sind als dass sie wirklich das Gespräch führen. Denn dazu gehört zum Beispiel auch, auf die Redezeit des Einzelnen zu schauen und allzu lange Monologe gegebenenfalls zu unterbrechen. Sonst bleibt keine Zeit für den Dialog, der ja, wie die WISSESNWERTE von sich selbst sagt, ihr Herzstück ist.

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Kollegen mit Kollegen: Qualität der Wissenswerte zeigt sich gerade auch an den Diskussionen. (Fotos: privat, Messe Bremen)

Nichtsdestotrotz, der Organisationsaufwand für die WissensWerte lohnt. Das bezeugt auch das Lob vieler Teilnehmer. „Eine einmalige Veranstaltung. Ich finde es anerkennenswert, wie selbstkritisch sich Wissenschaftsjournalisten mit sich selbst beschäftigen und würde mir das für andere Ressorts auch wünschen“, zitiert die Webseite der Konferenz zum Beispiel Thomas Osterkorn, den ehemaligen Chefredakteur und jetzigen Herausgeber des STERN. Und so hört man aus mancher Redaktion, dass durchaus kämpferisch ausgefochten wird, wer denn ein Ticket bekommt, wenn nur einer oder zwei aus einem Team fahren dürfen.

Zumindest ist klar, dieses Jahr fahren die Auserwählten wie gehabt nach Bremen. Im kommenden Jahr geht die Tagung auf Reisen. Viele Teilnehmer, vornehmlich aus dem Süden, hatten in der Teilnehmerbefragung mokiert, dass immer die gleichen die weite Anfahrt auf sich nehmen müssten. Aber nicht zuletzt war es der große Wunsch der neuen Geldgeber, dass die Wissenswerte rotiert: Verständlicherweise sind die Wissenschaftsorganisationen daran interessiert, Journalisten auch an andere Wissenschaftsstandorte als Bremen zu bringen. So können die Konferenzteilnehmer am traditionellen dritten Besuchstag auch andere Institute als diejenigen der Hansestadt kennenlernen.

Doch solch eine regelmäßige Stippvisite an anderen Orten ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung – vor allem für die Messe Bremen. Ihr gehört die Marke Wissenswerte und sie trägt das finanzielle Risiko, auch wenn der Veranstaltungsort woanders liegt. Zudem hat die Stadt Bremen in die Konferenz viel investiert: Der Richtwert für eine Veranstaltung von der Größenordnung der WISSENSWERTE lieg bei ungefähr 200.000 Euro für die Durchführung, zuzüglich etwa 130.000 bis 140.000 Euro für die Programmplanung. Dennoch hat man Verständnis für den Wunsch, den Blick deutschlandweit zu öffnen. „Die Konferenz geht nun alle drei Jahre auf Reisen. Damit haben wir einen Kompromiss gefunden, mit dem wir alle gut leben können“, sagt Gabriele Frey, Projektleiterin bei der Messe Bremen.

Per Ausschreibung wurde nach möglichen alternativen Standorten gesucht: Entweder arbeitet die Gaststadt mit dem Budget der Messe Bremen oder sie kauft die Wissenswerte samt Organisation aus Bremen ein. Die Resonanz war gut – obwohl das Projekt Wissenswerte stets leicht defizitär gewesen ist und deswegen immer zusätzliche Sponsoren gebraucht hat. „Es haben sich deutlich mehr Städte beworben, als wir gedacht hatten. Und es sind qualitativ richtig gute Bewerbungen“, freut sich Frey. „Mit so viel Zuspruch hatten wir nicht gerechnet. Aber das zeigt die große Attraktivität und Akzeptanz.“

So werde ich im kommenden Jahr mit zu denen gehören, die die Koffer packen. Wohin die Reise geht und was die Besucher dann 2014 erwartet, wird auf der diesjährigen Veranstaltung bekannt gegeben. Es bleibt also auch künftig spannend, was Wissen Wertes schafft.

Cornelia Reichert ist freie Wissenschaftsjournalistin, Ausstellungstexterin und Lektorin in Bremen. Sie war 2012 eine der drei Initiatorinnen der Online-Unterschriftenaktion „Pro Wissenswerte“. Sie hat ihre „Heimspiel-Konferenz“ bisher achtmal besucht. E-Mail: cornelia.reichert@wortboten.de

2 Antworten auf „Quo vadis Wissenswerte? – Kontaktbörse oder Insidertreff?“

Vielen Dank, liebe Cornelia, für diese tour d’horizon durch viele Jahre Wissenswerte. Ich halte vieler deiner Punkte für nachdenkenswert.

Grundsätzlich drohen viele Konferenzen an ihrer eigenen Routine zu ersticken. Insofern ist jetzt ein guter Zeitpunkt, alle Konzepte mal kräftig durchzuschütteln, couragiert um die Ecke zu denken, Mut zu Experimenten aufzubringen.

Die Veranstaltungen sollten, auch um international Anschluss an neue Moderationsformen zu finden, viel interaktiver werden. Der deutsche Podiumsdiskussionsstil finde ich unsäglich, ein Top-Down-Konzept aus vergangenen Zeiten. Das Podium sollte nur kurze Impulse geben, dann müssten bunt gemischte Arbeitsgruppen im Publikum das Thema weiterdenken und Ergebnisse präsentieren. Vieles mehr ist denkbar, auf diese und andere Weise ließen sich die Barrieren schleifen und auf natürliche Weise viele Kontaktmöglichkeiten herstellen.

Die Wissenswerte ist wie jede Kantine oder Betriebsfeier. Es sitzen immer nur die zusammen, die sich sowieso schon kennen. Ob Freier oder Fester, Alt- oder Junghase, den meisten Menschen scheint diese Urangst vor Fremden eigen, auch den vermeintlichen Kommunikationsexperten. Farbkleckschen und Speed-Daten sind auf jeden Fall ein Anfang. Vieles mehr wäre zum Auflockern notwendig.

Darüber hinaus müssen wir zum Kern stoßen. Es sind keine guten Zeiten für den Wissenschaftsjournalismus. Wir brauchen neue journalistische Modelle, innovative Formen der Finanzierung, grundsätzlich den Mut, viele Forschungspraktiken in Frage zu stellen. Die Auseinandersetzung zwischen „hehrem Journalismus“, wie Cornelia Reichert schreibt, und PR-Journalismus erinnert manche an einen Kalten Krieg. Auch das ist korrekturbedürftig.

Ich kann bei der Wissenswerten 2013 leider nicht dabei sein und wünsche diesem wichtigsten Begegnungs- und Austauschforum des deutschen Wissenschaftsjournalismus viel Erfolg.

herzliche Grüße
Wolfgang Goede

Spannende Ein- und Ausblicke, liebe Frau Reichert. Armins Hinweis auf die bislang zu kurz gekommende Politik-Dimension kann ich unterstreichen. Wir hatten im Sommer gerade in Bonn das (meines Wissens) bundesweit erste reguläre Modul für „forschungspolitische Kommunikation“ für die Technikjournalisten eingeführt. Weit mehr als ich gedacht hätte, war komplettes Neuland für den Nachwuchs, was zeigt, wie weit Handwerk und Systemwissen auseinander liegen. So richtig spannend wird das Thema meiner Meinung nach aber erst, wenn man es komparativ angeht, also die unglaublich unterschiedlichen Wissenschafts-, Medien- und Politiksysteme miteinander vergleicht und versucht, daraus fürs eigene System zu lernen. Eine solche Session machen wir u.a. auf der PCST-Tagung im Frühjahr; vielleicht könnte man ja etwas Internationales nach N.N. auf die WissensWerte bringen… 😉

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