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Best und Worst Practice Wissenschaft und Kommunikation

Nur Rechtsanwälte sind schlimmer – Wie Wissenschaftskommunikation funktioniert

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Was kommt beim Publikum an? - Psychologie hilft bei der Frage aller Fragen. (Foto: C.Erbel/pixelio
Was überzeugt das Publikum? – Psychologie hilft bei der Frage aller Fragen. (Foto: C.Erbel/pixelio

Sie haben mit Ihrem Kommentar ja so recht, liebe Antonia Rötger: Psychologie ist höchst spannend für die Wissenschaftskommunikation. Wir tun doch als Kommunikatoren nichts anderes, als ständig mit der Psyche anderer Menschen umzugehen und hören doch so selten (jedenfalls hier in Deutschland) wie die Psyche unserer Zielgruppen eigentlich funktioniert. Denn eines ist für Profis sicher trivial: Kommunikation funktioniert nur, wenn wir nicht nur auf den Wissenstand und das Sprachniveau der Menschen eingehen, die wir erreichen wollen, sondern auch auf ihre Gefühle und ihre Wertvorstellungen.

Jetzt bin ich durch einen Tweet (Danke Dietram Scheufele) auf das Video des Referats der amerikanischen Sozialpsychologin Susan Fiske (Princeton University) gestoßen, den sie beim zweiten Sackler Kolloquium „Science of Science Communication“ gehalten hat, zwar schon im Herbst letzten Jahres, doch ihre Erklärungen, wie Vertrauen, Glaubwürdigkeit und menschliche Nähe in der Kommunikation entstehen und welch wichtige Rolle sie spielen, sind so brilliant und zeitlos aktuell, dass ich die Anregung von Antonia Rötger gern aufgreife, sie hier darzustellen. Und nicht zuletzt ist es wichtig genug, wenn sich eine der bedeutendsten Psychologinnen unserer Zeit mit Wissenschaftskommunikation befasst.

Wer sich das Video direkt ansehen möchte (23 Minuten, die sich lohnen, auch wenn sie eher eine unterkühlte Rednerin ist), findet es hier.

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Prof. Susan Fiske – renommierte Sozialpsychologin

Zunächst die schlechte Nachricht: Wissenschaftler haben ganz miserable Voraussetzungen für die Kommunikation mit anderen Menschen. „We have the respect of our audiences but we don’t have the trust.“ (Wir haben den Respekt unserer Zuhörer, aber wir haben nicht ihr Vertrauen.) fasst die Psychologie-Professorin an der Princeton-Universität die Situation zusammen. Vertrauen aber ist für das Überzeugen eines Zuhörers absolut notwendige Voraussetzung. Wie gewinnt man jedoch Vertrauen? Vor allem über die Emotionen, ist ihre Antwort. Es geht darum, die Nähe der Menschen zu finden, die der Wissenschaft fern stehen. Fiske bezeichnet dies als „Warmth“ (Wärme). Denn eine grundlegende Eigenschaft von Menschen scheint es zu sein – quer durch alle Schichten, Nationen und andere  Gliederungen, möglicherweise aus der Entwicklungsgeschichte überkommen – vor allem jenen zu vertrauen, die einem nahe stehen, die mit ihnen die gleichen Werte und Ziele teilen.

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Zwischen Kompetenz und menschlicher Nähe – Wissenschaftler wirken nicht sehr überzeugend. (Quelle: Friske)

In einem Diagramm hat sie aufgetragen, was sie und ihre Mitarbeiter bei Befragungen herausgefunden haben: Welche Fähigkeiten und welche „Wärme“ welchen Berufsgruppen zugeordnet werden, wobei sie letzteres mit Vertrauenswürdigkeit übersetzt. Das Ergebnis: Wissenschaftlern, Professoren, Forschern und Ingenieuren wird zwar eine hohe fachliche Kompetenz zugemessen, aber nur eine geringe soziale Wärme. (Leider habe ich nur eine kaum lesbare Kopie dieses Charts gefunden; „Researcher“, „Scientist“, „Professor“ stehen zusammen mit „Engineer“ in der oberen Hälfte des unteren rechten Kreises.) Nur Rechtsanwälte und Vorstandsvorsitzende schnitten noch schlechter ab. Genau diese Kombination (hohe Kompetenz, geringe „Wärme“) ist es aber, die bei den Menschen eher Neid weckt als Vertrauen. Und die Reaktionen der Menschen auf Berufsgruppen mit diesen (zugemessenen) Eigenschaften sind eher Gleichgültigkeit gegenüber ihren Sorgen und Freude über ihre Probleme. Susan Friske benutzt dabei das deutsche Wort „Schadenfreude“.

Die Sozialpsychologin belässt es nicht bei der Zustandsbeschreibung. Sie zeigt auch Wege, wie die Wissenschaftskommunikation damit umgehen kann. Konkret bezieht sie sich zwar lediglich auf Klimaforschung, doch ihre Empfehlungen lassen sich ohne weiteres auf die gesamte Wissenschaftskommunikation übertragen: Weniger die Menschen belehren, sondern ihnen viel mehr über die ehrenwerten Absichten erzählen, die man mit den eigenen Forschungen und deren Konsequenzen verfolgt.

„Menschen können sehr gut Absichten erkennen, die jemand verfolgt“, macht die Psychologin Mut. „Sie glauben aber zu wissen, dass Wissenschaftler mit Statistiken lügen, dass sie einfache Dinge verkomplizieren, dass sie mit ihrer Überlegenheit andere dominieren, dass sie viele Forschungsgelder einstreichen, grenzenlos agieren und großen Firmen schaden.“ (Letzteres gilt sicherlich konkret für die Klimaforschung, während sonst Forscher wohl eher im Verdacht stehen, mit Konzernen gemeinsame Sache zu machen.)

Bei diesen Voraussetzungen in der Bevölkerung Vertrauen zu gewinnen, geht – aber es ist kompliziert und ein langer Weg: „Nicht überzeugen oder belehren wollen, sondern abwägend argumentieren und Unsicherheiten kommunizieren.“ Entscheidend für den Erfolg der Wissenschaftskommunikation aber ist es nicht, recht zu haben, sondern das Vertrauen durch Nähe und gemeinsame Werte zu gewinnen. Nur so, meint die Sozialpsychologin, deren Spezialgebiet die Erforschung von Klischees und Vorurteilen in der Gesellschaft ist, lassen sich Vorbehalte überwinden und Menschen überzeugen.

Ein nachdenkenswerter Vortrag, finde ich. Wobei für mich vor allem die scheinbare Ferne von Wissenschaftlern von mitmenschlicher Wärme erschreckend ist. Wissenschaft wird doch von Menschen gemacht, keine menschlichen Regung sollte daher Wissenschaftlern und der Wissenschaft fremd sein. Sie in der Kommunikationsarbeit darzustellen und zu vermitteln, ohne dabei an wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit zu verlieren, das aber ist wirklich eine große Aufgabe. Ein Grund mehr, und ein wichtiger, weshalb Wissenschaftskommunikation ausgebuffte Kommunikationsprofis braucht.

3 Antworten auf „Nur Rechtsanwälte sind schlimmer – Wie Wissenschaftskommunikation funktioniert“

Lieber Herr Hader, Danke für Ihren Kommentar. Das ist genau der Grund, weshalb ich diesen Vortrag aufgegriffen habe.
Übrigens: Ich habe bewusst von „scheinbarer Ferne der Wissenschaftler von menschlicher Wärme“ geschrieben, denn natürlich sind sie Menschen und damit genauso auf mitmenschliche Wärme angewiesen, aber sie strahlen sie auch aus – wenn man die Chance hat, sie näher kennenzulernen. Aber die Außensicht ist eine andere und das hat viel mit Kommunikation zu tun.
Mit dem Belehren ist das ja auch gut, wenn jemand zu mir kommt und belehrt werden will, sei es als Leser einer einschlägigen Zeitschrift, als Student oder weil er einen Rat braucht. Wenn ich allerdings mit jemanden ins Gespräch kommen will (und das sollte die Wissenschaft mit Wissenschaftskommunikation wollen) und belehre ihn erst einmal, dann ist das eine ziemlich schlechte Voraussetzung für ein Gespräch.

Hallo Herr Korbmann, ein wirklich schöner und lehrreicher Artikel. Sie schreiben u.a.: „Ein nachdenkenswerter Vortrag, finde ich. Wobei für mich vor allem die scheinbare Ferne von Wissenschaftlern von mitmenschlicher Wärme erschreckend ist. Wissenschaft wird doch von Menschen gemacht, keine menschlichen Regung sollte daher Wissenschaftlern und der Wissenschaft fremd sein.“

Da stimme ich Ihnen absolut zu. Ich denke auch nicht, dass Wissenschaftler zu wenig mitmenschlich sind. Der Unterschied ist wohl darin zu suchen, wie andere die Wissenschaftler wahrnehmen. Die Außenwahrnehmung ist in dem Fall entscheidender als die Innenwahrnehmung. Und da kann es sehr wohl sein, dass ein Teil (nicht alle) des fachfremden Publikums Wissenschaftler u.a. durch ihren z.T. knochentrockenen Rationalismus wenig mitmenschlich empfinden.

Ich denke mal, dass es hier hauptsächlich um die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern geht. Weil auch gesagt wurde, Wissenschaftler sollten nicht belehrend sein. Naja, in der Lehre selbst ist das kein Fehler, sondern dringende Notwendigkeit. Aber da haben die Zuhörer eine ganz andere Rolle, als das Publikum, was nur so nebenbei von Wissenschaft etwas mitbekommt.

Ich bin ja fast erstaunt, dass es hier wenige Proteste über die These gab, dass man das Vertrauen durch Emotionalität gewinnt. Denn, das muss ich mal als MINT-Absolvent schon sagen, da sehe ich in unserer Gattung schon gewisse Defizite. Uns sind viele technischen und naturwissenschaftlichen Zusammenhänge klar, aber wissen kaum etwas über das zwischenmenschliche Miteinander. Was wir teilweise als irrationales Verhalten interpretieren (z.B. das man Menschen, über die man mehr persönliche Dinge weiß, als sympathischer und vertrauenswürdiger empfindet), erkennt man in der Soziologie und Psychologie als völlig normale Verhaltensweisen an. Wir könnten da eigentlich von diesen beiden Fächern noch eine Menge lernen, auch über Wissenschaftskommunikation.

Lieber Herr Korbmann,

endlich mal Zeit gefunden, Ihren Beitrag zu lesen.Ihr Blog ist eine wahre Schule der Wissenschaftskommunikation. Der Ratschlag, die Menschen nicht zu belehren ist zwiespältig. Es stimmt, dass WissenschaftlerInnen sehr gern in den „Vorlesungsmodus“ fallen, und manchmal gar nicht merken, wenn sie das Interesse der Zuhörer längst verloren haben. Das gilt sogar für die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, ich erlebe es oft auf Konferenzen, wo die Vorträge grottenschlecht sind und alle ihre Zeit vertun, außer in den Pausen, wo die wichtigen Gespräche stattfinden!

Aber: eine Funktion von Wissenschaftskommunikation bleibt doch das Erklären von Zusammenhängen. Das Begründen, warum welche Forschung wichtig ist, warum es sich lohnt, Steuergelder dafür auszugeben. Ich habe manchmal Bauchschmerzen bei Texten über Wissenschaftler, die vor allem ihre persönlichen Qualitäten betonen, nach dem Motto: er (sie) ist ganz lieb, kocht gern und fährt Ski wie du und ich. Das ist oft einfach nur langweilig. Es gibt schon viele Menschen, die aktuelle Fragen der Forschung grob verstehen möchten. Die sollten wir auch bedienen, oder?

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