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Warum brauchen wir Wissenschaftskommunikation? – Papierstapel die Zweite

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Eine Schatzkammer von Ideen – Der Stapel ungelesener Artikel neben dem Schreibtisch (Foto: O.S. Zeimke)

Reiner_Blog_miniÜber den Stapel noch ungelesener Papiere neben meinem Schreibtisch habe ich schon berichtet. Jetzt habe ich mir vorgenommen, mich intensiver um diesen Berg potenziell interessanter Artikel zu kümmern und den Modus der „halbautomatischen“ FIFO-Entsorgung (First In First Out, besser: von unten her wegwerfen) zu überdenken. Der Grund: Ich habe ich diesem Stapel einen wahren Schatz gefunden. Das Papier eines Sozialwissenschaftlers, der sehr differenziert und gestützt durch viele Untersuchungen darlegt, warum wir Wissenschaftskommunikation brauchen, wie sie funktioniert und welche Herausforderungen auf die Wissenschaftskommunikation warten.

Das Papier, auf das ich jetzt gestoßen bin, ist ein Vortrag von Dietram Scheufele, Professor für Life Science Communication an der der University von Wisconsin in Madison, zudem Honorarprofessor an der TU Dresden. Gehalten hat er ihn vor eineinhalb Jahren beim Sackler Colloquium „The Science of Science Communication“ der amerikanischen National Academy of Sciences (NAS) in Washington. Davon gibt es ein Video bei Youtube.

Als Paper ausgearbeitet wurde er veröffentlicht, wie alle Vorträge des Symposiums, in den Proceedings der Akademie im August 2013 und da entdeckte ich ihn durch einen Tipp von Alexander Gerber (Danke!). Es geht in dem Paper von Dietram Scheufele um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft: „Communicating science in social settings“.

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Dietram Scheufele, Professor für Life Sciences Communication an der Uni of Wisconsin/Madison

Das Wechselspiel von Wissenschaft und Gesellschaft hat mich persönlich umgetrieben, seitdem ich den Beruf des Wissenschaftsjournalisten ergriffen habe. Ich verstehe Wissenschaft als wichtigen Teil dieser Gesellschaft, zugleich in ihrer Funktion aber auch als Dienstleister für die Gesellschaft. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Gesellschaft funktioniert ausschließlich über Kommunikation. Deswegen mein Interesse und mein Engagement für Wissenschaftskommunikation, auch weil ich der Meinung bin, dass sich hier bei uns noch viel verbessern lässt. Noch selten aber habe ich die Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation und das Verhältnis der Gesellschaft zur Wissenschaft so gut beschrieben gesehen, wie in diesem Beitrag von Dietram Scheufele.

Zunächst beschreibt Scheufele das Nicht-Verhältnis der Gesellschaft zur Wissenschaft. Dass ein großer Teil der Bürger in Bezug auf Wissenschaft ungebildet ist (nur etwa drei Viertel der Amerikaner wissen so etwas – für uns – triviales, dass unsereErde um die Sonne kreist, nur etwa zwei Drittel davon wiederum können angeben, dass ein Umlauf genau ein Jahr dauert) und uninteressiert ist, dürfte nichts Neues sein. Die Situation in Europa stellt sich vielleicht etwas anders dar, dennoch habe ich in diesem Teil von Scheuerles Darstellung einige Punkte vermisst –auch für Amerika. Etwa die Entwicklungen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren, auch durch das Internet: zunehmende Geschichtslosigkeit und Oberflächlichkeit, abnehmende Bedeutung von Autoritäten, eine deutliche Entwicklung zu mehr Partizipation usw. Auch dies mag in den USA anders sein als hier, ganz geht dies aber auch nicht an den Amerikanern vorbei, wenn man die Nachrichten aufmerksam verfolgt. Über Andeutungen aber geht Scheufele kaum hinaus. Doch das schmälert die Kraft seiner Argumente nicht.

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„Kommunikation“ von Diana Ong – Titelbild des Sackler Colloquium „The Science of Science Communication“

Er schildert etwa die Veränderungen in der Wissenschaft, da immer mehr Forschungsbereiche aus einem Komplex von Nano-Bio-Info- und Cogno-Wisseschaften mit großen Auswirkungen auf die Gesellschaft, komplexen Zusammenhängen und erheblichen Unsicherheiten bearbeitet werden und rasche politische Entscheidungen erfordern. Scheufele nennt dies „postnormal science“; Beispiele sind für ihn Klimawandel, Nanotechnologie, Synthetische Biologie, aber auch Hirnforschung, Stammzellforschung oder regenerative Medizin. Diese „postnormale Wissenschaft“ überfordert mit ihrer Komplexität, ihren Unsicherheiten, aber auch mit der Fülle von ethischen, juristischen und sozialen Fragen, die sie aufwirft, die Bürger einer Gesellschaft. Die Folge, so Scheufele, sie suchen Zuflucht zu einfachen Lösungen, die ihnen Religion oder Ideologie bieten, um ihre eigene Haltung zu den Auswirkungen der neuen Technologien zu finden.

Ich kann nicht den ganzen Artikel referieren. Es ist Arbeit, ihn zu lesen, aber die halbe Stunde lohnt sich für jeden, der Wissenschaftskommunikation ernst nimmt. Und vor allem lohnt sie sich für Wissenschaftler, die bislang noch nicht so überzeugt sind, warum sie Kommunikation ernst nehmen sollten. Scheufele schildert etwa die Auswirkungen, die sich aus dem Zerfall der überkommenen Medienstrukturen für die Wissenschaft ergeben, er räumt mit vier gängigen und naheliegenden Patentrezepten der Wissenschaftskommunikation auf, etwa mit dem Defizit-Modell, das behauptet, die Leute müssten nur mehr Wissenschaft verstehen, dann würden sie sie auch akzeptieren. Oder dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaftler zuletzt drastisch abgenommen habe. Oder dass es möglich sei, wissenschaftliche Erkenntnisse ausschließlich auf Basis von Fakten und ohne persönliche Wertvorstellungen zu diskutieren. Oder mit der Vorstellung, die herkömmlichen Massenmedien könnten den Wissenschaften aus ihrem Kommunikationsdilemma heraushelfen.

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Die Proceedings der National Academy of Sciences dokumentieren das Sackler Colloquium.

Scheufele hat erkannt, wie die Gesellschaft zu Wissenschaft steht und wie sie auf Wissenschaftskommunikation reagiert. Das ist eine entscheidende Basis, wenn Kommunikation erfolgreich sein soll. Alle seine Thesen sind gut mit den Ergebnissen von Studien belegt. Dadurch gewinnt sein Artikel die Kraft, Andersdenkende zu überzeugen oder zumindest zum Nachdenken zu bewegen. Scheufele aber ist kein Naturwissenschaftler, sondern Soziologe. Das ist eigentlich ein Vorteil, da er die Bemühungen der Naturwissenschaften um Kommunikation von Außen sieht, mit Distanz und weniger voreingenommen. Glücklicherweise schreibt er keinen Soziologen-Slang. Und dennoch könnte sein Background auch ein Nachteil sein: Auch in den Wissenschaften gibt es das NIH-Syndrom (Not Invented Here). Kann es sein, dass ein Soziologe den Hard-Facts-Wissenschaften sagt, was sie besser tun sollten? Oder brauchen die Nano-Bio-Info- und Cogno-Wisseschaften mehr Zusammenarbeit mit Soziologen, wie Scheufele das vorschlägt?

Wir sollten auf jeden Fall diesem Mann hier immer wieder  zuhören. Ich jedenfalls folge ihm jetzt auf Twitter.

6 Antworten auf „Warum brauchen wir Wissenschaftskommunikation? – Papierstapel die Zweite“

Danke für diesen Thread. In so manch einem Papierstapel schlummert auch ein echter Schatz. Mir geht es in ähnlicher Form mit Bookmarks für Internetseiten. Wenn ich auf eine interessante Seite stoße, aber keine Zeit habe, mich eingehender damit zu befassen, dann speichere ich ihn als Bookmark ab. Natürlich mit dem Vorsatz, ihn zu einer ruhigen Stunde wieder hervorzukramen. Man kann sich ja fast denken, wie selten ich dann tatsächlich dazu komme und so wurden viele interessante Seiten von mir nicht mehr besucht. seufz
Ich würde noch gerne einen Punkt anbringen, den ich persönlich von guter Wissenschaftskommunikation erwarte. Wenn ich einen Artikel lese, der mich nicht nur schlauer macht, sondern auch ein besseres Gefühl für den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern bekomme, dann fühle ich mich auch informierter. Wissenschaft ist nicht ausschließlich eine abstrakte Sache, sondern wird von Menschen gemacht. Und die entdecken auch nicht jeden Tag etwas sensationell neues, sondern erleben auch so stinknormale Arbeitstage mit gepflegter Langeweile, wie andere im Büro genauso. Da wird auch viel Routinearbeit gemacht. Ich bin nicht enttäuscht, wenn in einem Artikel genau über diese Routinearbeit berichtet wird. Im Gegenteil! Wenn das deren Alltag ist, dann möchte ich auch darüber erfahren. Nicht jeder kann ein aufregendes Forscherleben führen wie Indiana Jones.
Von guter Wissenschaftskommunikation erwarte ich, dass sie mir möglichst einen guten Überblick über das gibt, was Wissenschaftler tun und was aktuell an Themen geforscht wird. Von “schlechter” Kommunikation würde ich reden, wenn ein bestimmter Eindruck als typisch hingestellt wird, es aber überhaupt nicht so ist. Um mal ein Beispiel zu nennen, wenn auf einem Blog der Eindruck vermittelt wird, den Forschern ginge es letztendlich nur um Drittmittel und das sie praktisch alles tun würden, um sie zu bekommen bis hin zum Betrug, dann ist das für mich keine seriöse Berichterstattung. Nicht das es solche Forscher nicht gibt und nie ein Forscher betrügen würde. Ganz im Gegenteil! Auch solche gibt es unter dieser Spezies. Schlechte Wissenschaftskommunikation ist es dann, wenn Einzelfälle induktiv zum Normalfall und als typisch hingestellt wird.
Mein bisheriger Eindruck in der Wissenschaftsblog-Landschaft ist allerdings der, dass viele wirklich bemüht sind, diesen besagten Alltag von Wissenschaftlern rüberzubringen und das auch mit Humor und Selbstironie. Da möchte ich einfach mal Danke an diejenigen sagen, die ihrem Publikum auch etwas bieten wollen, ohne Effekthascherei zu betreiben.

Danke für diesen Thread. In so manch einem Papierstapel schlummert auch ein echter Schatz. Mir geht es in ähnlicher Form mit Bookmarks für Internetseiten. Wenn ich auf eine interessante Seite stoße, aber keine Zeit habe, mich eingehender damit zu befassen, dann speichere ich ihn als Bookmark ab. Natürlich mit dem Vorsatz, ihn zu einer ruhigen Stunde wieder hervorzukramen. Man kann sich ja fast denken, wie selten ich dann tatsächlich dazu komme und so wurden viele interessante Seiten von mir nicht mehr besucht. seufz
Ich würde noch gerne einen Punkt anbringen, den ich persönlich von guter Wissenschaftskommunikation erwarte. Wenn ich einen Artikel lese, der mich nicht nur schlauer macht, sondern auch ein besseres Gefühl für den Arbeitsalltag von Wissenschaftlern bekomme, dann fühle ich mich auch informierter. Wissenschaft ist nicht ausschließlich eine abstrakte Sache, sondern wird von Menschen gemacht. Und die entdecken auch nicht jeden Tag etwas sensationell neues, sondern erleben auch so stinknormale Arbeitstage mit gepflegter Langeweile, wie andere im Büro genauso. Da wird auch viel Routinearbeit gemacht. Ich bin nicht enttäuscht, wenn in einem Artikel genau über diese Routinearbeit berichtet wird. Im Gegenteil! Wenn das deren Alltag ist, dann möchte ich auch darüber erfahren. Nicht jeder kann ein aufregendes Forscherleben führen wie Indiana Jones.
Von guter Wissenschaftskommunikation erwarte ich, dass sie mir möglichst einen guten Überblick über das gibt, was Wissenschaftler tun und was aktuell an Themen geforscht wird. Von “schlechter” Kommunikation würde ich reden, wenn ein bestimmter Eindruck als typisch hingestellt wird, es aber überhaupt nicht so ist. Um mal ein Beispiel zu nennen, wenn auf einem Blog der Eindruck vermittelt wird, den Forschern ginge es letztendlich nur um Drittmittel und das sie praktisch alles tun würden, um sie zu bekommen bis hin zum Betrug, dann ist das für mich keine seriöse Berichterstattung. Nicht das es solche Forscher nicht gibt und nie ein Forscher betrügen würde. Ganz im Gegenteil! Auch solche gibt es unter dieser Spezies. Schlechte Wissenschaftskommunikation ist es dann, wenn Einzelfälle induktiv zum Normalfall und als typisch hingestellt wird.
Mein bisheriger Eindruck in der Wissenschaftsblog-Landschaft ist allerdings der, dass viele wirklich bemüht sind, diesen besagten Alltag von Wissenschaftlern rüberzubringen und das auch mit Humor und Selbstironie. Da möchte ich einfach mal Danke an diejenigen sagen, die ihrem Publikum auch etwas bieten wollen, ohne Effekthascherei zu betreiben.

Indeed, lieber Kollege Korbmann, wobei es gerade aus dem US/UK-Umfeld natürlich noch viel weitere sozialwissenschaftliche Forschung gibt, die von WK-Praktikern hierzulande fast gar nicht wahrgenommen werden. Ein klassisches Transfer-Problem, das in diesem Fall beispielsweise dazu führt, dass die (im Ausland stark beforschte) gesellschaftspolitische Dimension der (hierzulande meist noch als „Übersetzungsleistung“ missverstandene) Wissenschaftskommunikation unter die Räder kommt. Aber: Der Nachholbedarf ist erkannt und wird in den kommenden Monaten auch entsprechend angegangen, wenn ich mal so dreist-nebulös einen „Cliffhanger“ platzieren darf.

Ein wichtiger Hinweis noch: Das o.g. Paper bezieht sich auf das erste Colloquium; Ende September in Washington gab es ja schon das zweite, das aus meiner Sicht etliche der 2012 aufgeworfenen Fragen noch einmal hervorragend vertieft hat >> http://www.nasonline.org/programs/sackler-colloquia/completed_colloquia/agenda-science-communication-II.html

Indeed, lieber Kollege Korbmann, wobei es gerade aus dem US/UK-Umfeld natürlich noch viel weitere sozialwissenschaftliche Forschung gibt, die von WK-Praktikern hierzulande fast gar nicht wahrgenommen werden. Ein klassisches Transfer-Problem, das in diesem Fall beispielsweise dazu führt, dass die (im Ausland stark beforschte) gesellschaftspolitische Dimension der (hierzulande meist noch als „Übersetzungsleistung“ missverstandene) Wissenschaftskommunikation unter die Räder kommt. Aber: Der Nachholbedarf ist erkannt und wird in den kommenden Monaten auch entsprechend angegangen, wenn ich mal so dreist-nebulös einen „Cliffhanger“ platzieren darf.

Ein wichtiger Hinweis noch: Das o.g. Paper bezieht sich auf das erste Colloquium; Ende September in Washington gab es ja schon das zweite, das aus meiner Sicht etliche der 2012 aufgeworfenen Fragen noch einmal hervorragend vertieft hat >> http://www.nasonline.org/programs/sackler-colloquia/completed_colloquia/agenda-science-communication-II.html

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