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Reden wir über uns – Für wen machen wir Wissenschaftskommunikation?

Wissenschaftsbarometer_2014-03-31_barometer2_01Reiner_Blog_miniUm eines gleich vorweg zu sagen: Wissenschaftskommunikation ist Arbeit für eine Minderheit. Wenn wir versuchen, unsere Botschaften „an die Frau/Mann“ zu bringen, reden wir so gern über „die Öffentlichkeit“, „das Publikum“, oder „die Bevölkerung“. In Wirklichkeit ist es eine kleine Minderheit dieser großen Öffentlichkeit, die sich überhaupt für Wissenschaft interessiert, die Informationen zu diesem Thema wahrnimmt.

InteresseanWissenschaftHier erst einmal ein – erneuter – Beleg für diese Behauptung, dann aber auch gute Argumente, warum uns dies nicht entmutigen, sondern eher motivieren sollte, professionelle Wissenschaftskommunikation zu betreiben.

Der neuerliche Beleg sind die Ergebnisse des „Wissenschaftsbarometer 2014“, eine repräsentative Umfrage, die „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) in Zukunft regelmäßig durchführen lassen will. Befangenheitshinweis: Ich arbeite unter anderem für die Philip Morris Stiftung, die WiD beim Wissenschaftsbarometer finanziell unterstützt. Solche Ergebnisse produzieren Schlagzeilen, sind gut und nützlich, vor allem wenn dabei auch herauskommt, dass fast 40 Prozent der Bürger sich von der Wissenschaft nicht genug informiert fühlen, oder dass sie mehr Beteiligung an der Wissenschaft wünschen. Das sind Aussagen, die in den Medien wiedergegeben werden, die Politiker und Geldgeber beeindrucken, und die Wissenschaftskommunikation endlich zu einem Thema auf der gesellschaftlichen Tagesordnung machen (zum Download der Ergebnisbroschüre).

Wissenschaftsbarometer_Vertrauen

Die Qual mit den Umfragen: Was ist von den Ergebnissen zu halten?

Doch helfen uns solche Zahlen bei unserer täglichen Arbeit? Können wir uns danach richten? Dürfen wir uns bei unseren Entscheidungen darauf verlassen? Nur bedingt, und auch das nur, wenn wir hinter die präsentierten Zahlen schauen, wenn wir unser eigene Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Intuition zusätzlich benutzen, um die Zahlen zu zerpflücken und daraus unsere Schlussfolgerungen zu ziehen. Das gilt natürlich nicht nur für das Wissenschaftsbarometer, sondern für alle Umfragen.

Das beginnt schon bei der Aussage, ein Drittel der Deutschen sei interessiert an wissenschaftlichen Themen. Ein Drittel? Mehr nicht, weit weg von einer Mehrheit? Genau genommen muss die Aussage sogar lauten „Ein Drittel der Deutschen behauptet von sich, an wissenschaftlichen Themen interessiert zu sein.“ Denn natürlich geht es um eine Selbsteinschätzung, sowohl des eigenen Interesses als auch dessen, was man für ein wissenschaftliches Thema hält. Ist Astrologie eines? Sind UFOs eines? Für uns ist die Antwort klar, aber befragen wir doch einmal einen Querschnitt der Bevölkerung, da wird nicht nur eine ungebildete Minderheit ganz anders antworten.

Wissenschaftsbarometer_Vertrauen_Thema
Vertrauen ist gut – Skepsis ist besser, je nach Thema.

Und schließlich enthalten Selbsteinschätzungen, die von uns gefordert werden, immer auch ein gerüttelt Maß an Selbstbetrug: Wenn Medien und Politiker, Werbung und Professoren ständig betonen, wie wichtig für uns die Forschung ist, kann ich da als einigermaßen aufgeklärter Mensch, wenn ich vom Interviewer der Umfrage darauf angesprochen werde, von mir ernsthaft behaupten, mich interessiere Wissenschaft nicht? Das könnte ich nicht mit meinem Selbstbild vereinbaren, eben als aufgeklärter Mensch, selbst wenn mir das, was Forscher tun und wollen, völlig gleichgültig wäre.

Nur elf Prozent nehmen Wissenschaftskommunikation wahr

Konzentrieren wir uns also auf diejenigen, die von sich behaupten, an Wissenschaft „sehr interessiert“ zu sein. Und da sind es plötzlich zwei Drittel Interessierte weniger, nur noch elf Prozent. Das sind diejenigen, die wir mit unseren Botschaften vielleicht erreichen (die oben geschilderte Unsicherheit gilt natürlich auch für diese Gruppe). Die anderen interessieren sich nicht dafür, übersehen Wissenschaft  in der täglichen Informationsflut, überblättern entsprechende Angebote, oder aber die Meldungen mit neuen Forschungserfolgen wecken in ihnen sogar eher Misstrauen. Bestätigt wird dies durch die Kontrollfrage nach dem Vertrauen in Wissenschaft und Technik: Genau elf Prozent (die gleichen, die sich für Wissenschaft „sehr interessieren“?) sind es lediglich, die sich ganz klar gegen die Aussage wenden, dass die Menschen zu sehr auf Wissenschaft vertrauen. Die große Mehrheit ist eher indifferent oder negativ zur Forschung eingestellt, von „eher doch“ bis zur barschen Ablehnung. Und selbst wenn man – was Meinungsforscher häufig tun – die „eher geneigten“ zu den klaren Bekennern rechnet, dann ergibt die Vertrauensfrage auch: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung  meinen, dass Wissenschaft eher schadet als nützt – jeder Zehnte also!

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Wird unsere Zukunft durch Medizin und Ernährung entschieden? Sie sind nach Bürgermeinung am wichtigsten.

Was bedeuten solche Analysen für die Wissenschaftskommunikation? Auf keinen Fall, dass sie überflüssig ist, da sie sich nur mit einer Minderheit beschäftigt. Ganz im Gegenteil! Zunächst einmal gilt es, die positiv eingestellte Minderheit bei Laune zu halten, sie also weiter mit Informationen aus der Forschung zu versorgen: mit Ergebnissen, neuen Initiativen, Projekten – kurz mit all dem, was wir heute schon mitteilen.

Zum zweiten aber zeigen die Zahlen die große Herausforderung für professionelle Wissenschaftskommunikation: die anderen zu erreichen, von den Indifferenten bis (wenn das überhaupt geht) zu den Mißtrauischen. Denn Entscheidungen in der Gesellschaft fallen nicht nur in Kreisen der Wissenschafts-Interessierten oder der Wissenschafts-Anhänger. Wenn Wissenschaftskommunikation aber dazu dient, dabei zu helfen, dass Wissenschaft von der Gesellschaft all das bekommt, was sie benötigt (meines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaftskommunikation), dann genügt es nicht, sich auf die elf Prozent „Afficionados“ zu verlassen.

Die Herausforderung der Wissenschaftskommunikation: Die Uninteressierten erreichen

Praktisch, in der Kommunikationsarbeit, geht das nur über Konzentration auf Zielgruppen. Nur wer genau auf die Bedürfnisse einzelner Kreise zielt, ihre speziellen Bedürfnisse anspricht, kann hoffen, bei bislang Uninteressierten Stück für Stück Interesse zu wecken. Einen kleinen Hinweis auf Zielgruppen gibt das WID-Wissenschaftsbarometer für eine wichtige Gruppe: Das größere Wissenschaftsinteresse bei den höher Gebildeten. Sie sind eine wichtige Zielgruppe für gesellschaftliche Entscheidungen, fallen doch fast alle im Kreis von höher Gebildeten. Aber insgesamt sind, was Zielgruppen betrifft, die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers noch mager: Bildungs- und Altersstruktur wären mindestens notwendig, um die Resultate für die praktische Arbeit zu nutzen. Auch Angaben zu Gender, Migrationshintergrund oder Ähnlichem wären nützlich.

Vielleicht in der nächsten Runde des Wissenschaftsbarometers! Denn schließlich soll diese wertvolle Umfrage ja nicht nur Stoff für Medienmeldungen und Sonntagsreden liefern, sondern Grundlagen schaffen für eine professionelle Arbeit in der Wissenschaftskommunikation. Noch toller (aber vielleicht auch zu optimistisch) wäre die Vorstellung, dass das Wissenschaftsbarometer in Deutschland etwas anregt, was in den USA gerade erste Erfolge feiert: A Science of Science Communication – die fundierte sozialwissenschaftliche Erforschung des Wechselspiels zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, bei dem die Wissenschaftskommunikation eine zentrale Rolle spielt. Einer der großen Protagonisten dieses Feldes in den USA, Prof. Dietram Scheufele von der University of Wisconsin in Madison, stammt übrigens aus Stuttgart. Wahrscheinlich könnte er auch wertvolle Anregungen für Deutschland geben, etwa welche Fragen an die Bevölkerung für die Wissenschaftskommunikation wichtig sind.

5 Antworten auf „Reden wir über uns – Für wen machen wir Wissenschaftskommunikation?“

Liebe Frau Reinecke,

Sie haben sicher recht, dass ein wissenschaftliches Ergebnis, allein aus der Perspektive einer Disziplin betrachtet, nur selten Relevanz für die Gesellschaft haben kann. Aber Interdisziplinarität genügt auch nicht, da für die gesellschaftliche Relevanz auch viele Faktoren aus dem gesellschaftlichen Bereich eine Rolle spielen. Ich habe dies einmal so verdeutlicht: Der Fall eines Blattes von einem Baum ist zunächst nur ein physikalisches Phänomen, interdisziplinär wohl auch ein biologisches, gesellschaftlich aber hat es Relevanz durch ganz andere Aspekte, von den Betrachtungen der Poeten zum Ende des Sommers bis hin zum Nachbarschaftsrecht. Dies zu sehen, die unterschiedlichen Aspekte zusammen zu bringen, die wichtigen herauszustellen, das ist die Leistung der Kommunikatoren, von Journalisten bis zu den Forschungssprechern. Da geht es längst nicht mehr nur um die „Botschaften der Wissenschaft“, sondern vor allem auch darum, der Gesellschaft zuzuhören, auf ihre Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Gewichtungen einzugehen und darauf zu reagieren – in einen echten Dialog zu kommen. Das ist für mich Wissenschaftskommunikation.

Ist es nicht eher so, dass die meist von einander abgeschotteten Einzeldisziplinen der unterschiedlichsten Wissenschaftszweige zunächst selber versuchen müssten, untereinander ihre höchst komplizierten, z.T. disparaten Forschungsergebnisse zu kommunizieren; sich in einem interdisziplinären Dialog zu begeben und sich soz. auf wissenschaftstheoretischer Meta-Ebene darüber zu verständigen, wie das je Einzelne in einen rationalen, kohärenten Zusammenhang gebracht werden kann?
Erst dann können m.E. die ‚Botschaften der Wissenschaft‘ bereichernd, aufklärend, konstruktiv, auf den Menschen/das Leben/die Welt bezogen, sinnvoll und nachvollziehbar weitergegeben werden.
Gruß aus Berlin
Maria Reinecke
http://www.maria-reinecke.de

Hello John, thank you for your comment with two important points:
1. Science is not a question of subject but the way of looking at any subject. Very important. I will remember this point.
2. We have to go new ways to reach the „unreachables“: pupils, students or others close to our target groups instead of scientists. This is also valid for the media transfering the news and emotions.

(Das tut mir leid ich muss in die Sprache Englisch schreiben)

Sometimes scientific communication is most effective when addressed at a single person if that person is in a situation where they influence many others.

A technique I use in a classroom of mixed ability is to explain to the few students with relatively good understanding of the subject and allow them to explain to those whose worldview is too distant from my own for them to understand my way of explaining things.

This is a useful model for scientific communication in general. We may aim to communicate primarily with those who are best at helping others to understand.

If we do want to communicate to the majority, our primary technique must be to relate the science to subjects with which the reader or listener is familiar, and about which they would like to know more. Quite a lot of dynamics and thermodynamics can be used to explain the setup of bicycle brakes and gears, for instance. Often our most-effective scientific communication happens incidentally when our primary instruction centres on everyday experience.

The wording of the poll questions is grimly entertaining. I contend that there is no such thing as a „scientific subject“. Science describes a mode of looking, not a direction. Divinity, astrology, spirituality, telepathy, art and music are all worthy subjects for scientific investigation. The way a scientist investigates each will differ from that of the priest, the diviner or the artist and it is that, not the subject, that makes it science.

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