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Beruf Wissenschaftskommunikation Wissenschaft und Kommunikation

Schluss mit dem Dornröschenschlaf! – Forschung und Gesellschaft

Wolfgang C. Goede, ein journalistischer Kommunikator, dem es um die Bürger geht.
Wolfgang C. Goede, ein engagierter Kommunikator, dem es um Wissenschaft für die Bürger geht.

Wolfgang C. Goede über partizipative Wissenschaftskommunikation – ein Gastbeitrag

Der Befund erschüttert. Selbst nach 20 Jahren können die Bürger mit Nanotechnologie wenig anfangen. Das stellte sich bei der EuroScience Open Forum in Kopenhagen heraus. Als Konsequenz daraus entstand die „Copenhagen Declaration“. Sie fordert die Europäische Kommission auf, für die Einrichtung von Datenknotenpunkten zu sorgen mit aktueller Nano-Info. Der Hilferuf richtet sich auch an die Forschungskommunikation in Deutschland. Ein Nachtrag und zugleich Aufheller zu den umstrittenen WÖM-Empfehlungen der Akademien – und Weckruf: Aufwachen aus dem Dornröschenschlaf!

Ein Kommunikationsdebakel – aus dem man lernen kann

Debakel der Wissenschaftskommunikation am Beispiel Nano - die Kuppel der Kopenhagener Glyptothek (Foto: O. Haupt)
Debakel der Wissenschaftskommunikation am Beispiel Nano – unter der Kuppel der Kopenhagener Glyptothek (Foto: O. Haupt)

Es hätte eine gelungene Veranstaltung werden können. Einladend blau und wärmend wölbte sich der Kopenhagener Sommerhimmel über der Glaskuppel des Glyptotek Museums im Carlsberg Distrikt. Darin erhoben sich edle Skulpturen, die dem anspruchsvollen Thema eine mußevolle Leichtigkeit verliehen. Doch beides half nichts. Nach 75 Minuten war dem Publikum das Wesen der Nanotechnologie weiterhin verschlossen.

Auf dem ehemaligen Brauereigelände in Kopenhagen fand im Juni das bisher sechste EuroScience Open Forum satt. Die europäische Wissenschaftskonferenz, designt nach dem AAAS-Vorbild in den USA, bringt im zweijährigen Abstand Forscher, politische Entscheidungsträger und Wirtschaft aus Europa von Rang und Namen zusammen.

ESOF 2014 wollte „Brücken bauen“, so der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Borroso bei der Eröffnung in Gegenwart der dänischen Königin. Brücken unter anderem auch „zwischen Forschern und Bürgern“, wie er ausdrücklich betonte, um durch größere Akzeptanz bei der Bevölkerung wettbewerbsfähiger zu werden und mit den Forschungsgiganten USA und China mithalten zu können. Doch viel weiter als bis zum ersten Brückenpfeiler scheint diese Aufklärungsarbeit in einigen Forschungsdisziplinen nicht gekommen zu sein.

Beispiel Nano. Die Europäischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA wollten in Dänemarks Hauptstadt das ESOF-Programm um eine Debatte über Nutzen und Risiken dieses Forschungszweiges bereichern. Unter der Kuppel der Glyptothek versuchten ein Physiker und eine Vertreterin der Nano-Industrie, darüber hinaus Sprecher zweier NGOs, einer Verbraucher- und Umweltgruppe, aus ihren unterschiedlichen Perspektiven Licht in das umstrittene Thema zu bringen.

Fünf Minuten pro Präsentator war nicht viel, doch zehnmal länger als der berühmte Elevator Pitch, während dessen ein fiktiver Mitarbeiter seinen Chef in 30 Sekunden von einem Projekt überzeugen muss. Die Sprecher gaben ihr Bestes, dann kam die Probe aufs Exempel. Das Publikum diskutierte an runden Tischen das gerade Erfahrene. Dabei gingen die Experten durch den Saal und standen zu Auskünften bereit. Inzwischen türmten sich am Himmel dunkle Wolken und warfen Schatten.

Wissenschaftskommunikation am Runden Tisch - hier bei der Nanodebatte in Kopenhage - statt ... (Foto: Goede)
Wissenschaftskommunikation am Runden Tisch – hier bei der Nanodebatte zur ESOF in Kopenhagen …
(Foto: Goede)

Passend zu den Stellungnahmen der Sprecher, die sich an den Tischen erhoben und dem Plenum ihre Rückmeldungen zum Thema gaben. Die Organisatoren hatten jede Menge Nano-Kritik erwartet, doch schlimmer: Die meisten Anwesenden im Publikum, obwohl Besucher der größten europäischen Wissenschaftskonferenz, konnten mit Nano gar nichts anfangen. Zu kompliziert, zu klein und unvorstellbar, zu unverständlich und damit weitgehend irrelevant, war das Urteil von drei der vier Tische. Eine Forschung non grata?

Ein Tiefschlag für Wissenschaft und Forschung, aber auch für die Wissenschaftskommunikation. Ratlosigkeit und Betroffenheit unter den Teilnehmern, Präsentatoren, Organisatoren. Wie war es möglich, dass nach 20 Jahren Forschung die Nanotechnologie von der Öffentlichkeit so rezipiert wird,  als ob sie ein forscherischer Neuling wäre? Sie ist ein weißer Fleck auf der Forschungslandkarte der Bürger: Vorhang zu, alle Fragen offen. Bezeichnenderweise war inzwischen leichter Nieselregen auf die Glyptokuppel gefallen.

... Kommunikation vom Katheder (hier EU-Kommussionspräsident Baroso bei der ESOF-Eröffnung).
…  statt Kommunikation vom Katheder (hier EU-Kommissionspräsident Barroso bei der ESOF-Eröffnung). (Foto:ESOF)

Die „Copenhagen Declaration“ stellt Forderungen

So unterschiedlich die Zusammensetzung des Panels und des Publikums, so einhellig war die Diagnose über dieses Debakel: Die Menschen müssen sich über Nano besser informieren können. Als Folge dieser Einschätzung sandte die EUSJA  an die politischen Vertreter der EU, Kommissionspräsident Barroso, dessen Beraterin Anne Glover und dem Generaldirektor für Forschung und Innovation Robert-Jan Smits die „Copenhagen Declaration“.

Sie fordert solidere Information über Nanotechnologie, öffentlich zugängliche Dateien, die sowohl ihr Wesen und Eigenschaften erklären, also physikalische Strukturen, weiterhin Anwendungen, sowohl die erwarteten Nutzen als auch registrierten Risiken. Gleichzeitig wird eine frühzeitige Einbeziehung der Bürger in kontroverse Forschungsfragen verlangt, nicht nur bei der Nanotechnologie, sondern quer durch alle Disziplinen.

Information ist Menschenrecht ... Forderungen aus der Kopenhagener Erklärung zur Wissenschaftskommunikation. (Foto: Goede)
Information ist Menschenrecht – Forderungen aus der Kopenhagener Erklärung zur Wissenschaftskommunikation. (Foto: Goede)

Information ist nicht nur ein Bildungsgut, sondern ein Menschenrecht, das für Demokratie und Beteiligung von Bürgern am Gemeinwesen grundsätzlich ist. Nachdem dieses zunehmend von neuen Technologien und Märkten beherrscht und der Technologisch-Industrielle Komplex (TIK) immer mächtiger wird, etwa in Gestalt der Softwareriesen und Industrie 4.0 Szenarien, dem Google-Auto und Durchdigitalisierung der Gesundheit, muss Demokratie neu und weiter gedacht werden. Künftig geht es nicht mehr allein um Beteiligung in der Politik, sondern auch an den zugrunde liegenden wissenschaftlich-technologisch-ökonomischen Prozessen.

Im Kontext: Allein in Dänemark gibt es bereits 2200 mit Nanopartikeln versehene Produkte. Den gesamteuropäischen Nano-Markt schätzen EU-Experten auf einen Umfang von zwei Milliarden Euro. Anwendungen in der Mikroelektronik und im Umweltschutz könnten in absehbarer Zeit ein Nano-Bonanza schaffen, wenn den Wundern nicht die ungeklärten Risiken entgegenständen, etwa für die Gesundheit. Deshalb: „Ohne Daten kein Markt!“ Mit diesen vier Worten brachte Dino Trescher, Herausgeber des Online-Journals nanomagazin.net, die ESOF Veranstaltung auf den Punkt.

Ein Weg: Echter Dialog statt Akademien-WÖM

Interessanterweise war ein paar Tage zuvor in Berlin die Stellungnahme der Deutschen Akademien „Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“ (WÖM) vorgestellt worden. Ich war eingeladen, hatte wegen ESOF-Vorbereitungen leider absagen müssen, obwohl ich mich allzugern ins Fishbowl gesetzt und Folgendes zum Diskurs beigetragen hätte, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Kenntnis über den niederschmetternden Verlauf der Kopenhagendebatte:

„Ich begrüße, dass die deutsche Wissenschaft uns an die tiefe Krise erinnert, in der die Kommunikation über Forschung und Technologie steckt. Ob die Akademien damit den Startschuss zu neuen Ufern abgefeuert haben, wage ich zu bezweifeln. Viele der Ursachen, wie die atemraubende Durchökonomisierung unserer Gesellschaft, werden seit Jahren diskutiert,  ohne dass wir den Hebel fanden, dies zu ändern. Dass Wissenschaft und Forschung immer mehr ein Rädchen in diesem Getriebe geworden sind und damit den Wahrheitsanspruch eingebüßt haben, ist lange offensichtlich und den Bürgern nicht verborgen geblieben. Höchste Qualitätsstandards von Pressesprechern wie Journalisten einzufordern ist allerdings in der Tat geboten.

Doch taugt dafür wirklich das Schaffen neuer aufwändiger Gremien wie Wissenschaftspresseräte und Science Media Centers SMC. Wenn das WÖM-Papier das Hypen von Forschungsergebnissen kritisiert, macht es jetzt im gleichen Zug nicht denselben Fehler und hypt das umstrittene SMC? Großorganisationen und neue Verwaltungen mit dem Hang zur Bürokratisierung und Abschottung haben selten das Steuer herumwerfen können, weshalb auch eine EU-Qualitäts-Richtlinie uns vermutlich nicht viel weiter helfen würde.

Warum aber nicht ein paar Ebenen tiefer ansetzen: Wissenschaftler, Bürger, Journalisten direkt in einen Raum holen, um über Forschung, deren Ergebnisse und Kontroversen zu diskutieren und daraus eine gemeinschaftliche Entschließung für die Entscheidungsträger formulieren? Dieses Konzept holt den Bürger als Steuerzahler, Verbraucher, Wähler mit ins Boot und wertschätzt ihn als gleichberechtigten Interessensvertreter, neudeutsch Stakeholder.

Für die Forschung und einstigen Elfenbeintürme schwer zu verdauen: Vom Katheder oder der Kanzel verkündete Wahrheiten haben ausgedient. Heute müssen sie von Fall zu Fall immer wieder neu ausbalanciert und verhandelt werden. Partizipation erwähnt das WÖM-Papier zwar auch, nur als verschämtes Feigenblatt, mit einem einzigen Wörtchen, ohne Kontext, leider!

Ein Koffer mit neuem Werkzeug der Wissenschaftskommunikation

Für „partizipative Forschung“ hat die Journalistenvereinigung für wissenschaftlich-technische Publizistik TELI e.V. die Wissenschaftsdebatte ins Leben gerufen. Eine Veranstaltung in München vor den letzten Bundestagswahlen mit den Kandidaten der Parteien adressierte die demografischen Verwerfungen. Das Ergebnis trug dazu bei, dass Menschen künftig selber über die Dauer ihrer Lebensarbeitszeit entscheiden dürfen. Eine Debatte in Wiesbaden führte den Nachweis, dass Lärm krank macht. Eine Resolution, was wissenschaftlich und technisch erfolgen muss, um dieses Risiko für die Bevölkerung zu senken, wurde anschließend wichtigen Entscheidern und Kontrollgremien zugestellt mit der Aufforderung um Korrekturen und um einen Fortschrittsreport.“

Die TELI Wissenschaftsdebatte sowie deren internationaler Rollout bei der ESOF 2014 werfen auf das  WÖM-Papier noch einmal ein neues kritisches Licht. Reformen lassen sich nicht „par Order di Mufti“ anordnen, sondern erfolgen meist freiwillig und intrinsisch. Viele sind aus der Zivilgesellschaft heraus geborene Initiativen, nicht akademisch-diskursiv, wie bei den Akademien, über zwei lange Jahre hinweg abgestimmt und bis zur Verkündung veraltet, sondern pro-aktiv und auf rasche Umsetzung zielend: Learning by Doing. Solche Initiativen müssten die großen Forschungsdinosaurier mit aufgreifen, tun sich aber schwer damit, weil sie selber von oben nach unten durchregieren, nicht graswurzelig bottom-up. Dieses Prinzip, oft zitiert und verlangt, ist in der Forschung bisher kaum angekommen, zeigt WÖM.

Was dieser Beitrag hier so sachlich wie möglich klarmachen möchte: Formate wie die Wissenschaftsdebatte sind für alle da, AUCH: Forschungseinrichtungen, Pressestellen, Wissenschaftskommunikatoren. Hier finden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, einen Koffer mit neuem Handwerkszeug. Wenn wir weiterkommen wollen in der jahrzehntealten Diskussion, wie wir die Wissenschaft unters Volk bringen, sollten wir uns alle öffnen, forscherisch experimentieren, die angestaubten Standardformen wie Pressekonferenz und Podiumsdiskussion mit neuen interaktiven und frischer moderierten, auf Inklusion statt Exklusion zielenden Varianten bereichern.

 

Wolfgang C. Goede ist nach 30 Jahren als Redakteur bei einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift jetzt freier Wissenschaftsjournalist. Bei der Journalistenvereinigung TELI hat er die Wissenschaftsdebatte mit  ins Leben gerufen. Als Sekretär der European Union of Science Journalists‘ Associations EUSJA engagiert er sich im europaweiten Wissenschaftsjournalismus. Er lebt und arbeitet in München und Medellín, Kolumbien. Sein Manual zur Technik der Wissenschaftsdebatte erschien bei Maecenata.

7 Antworten auf „Schluss mit dem Dornröschenschlaf! – Forschung und Gesellschaft“

Ich denke, hinter der schlechten Wissenschaftskommunikation steckt ein noch gravierenderes Problem: eine überholungsbedürftige Wissenschaft.

Goede, Ronzheimer und Christian haben Recht: Mit der Wissenschaftskommunikation steht es nicht zum Besten. Wer nur als Reporter dessen unterwegs ist, was gerade läuft auf dem Markt der Wissenschaft, vernachlässigt einen wichtigen Teil seiner Aufgabe: Kritik. Wie in der Wissenschaft selbst ist auch in der Kommunikation über sie eine grundsätzlich kritische Einstellung nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

Aber ich möchte auf einen anderen Aspekt hinweisen: Wer das Unverständliche nicht verständlich machen kann, versagt als Kommunikator. Die Frage ist nur, warum. Meine Antwort lautet: Nicht immer, aber allzu häufig liegt der wahre Grund dieses Fehlers im Gegenstand, der kommuniziert werden soll. Hinter schlechter Wissenschaftskommunikation steht häufig eine schlechte, fragwürdige, dringend überholungsbedürftige Wissenschaft.
Als langjähriger Lehrstuhlinhaber für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld erlaube ich mir dieses kritische Urteil über große Teile der akademischen Wissenschaft. Diese Einschränkung soll zeigen: Sie ist nicht die ganze Wissenschaft, sondern nur diejenige, die von Berufs wegen, in Forschungsinstitutionen, in dem ganzen ausgedehnten Karrierebetrieb betrieben wird, der sich gern jenen Begriff zur Alleinvertretung sichert: Wissenschaft. Es gibt aber eine vergleichsweise bescheidene Spielart der Wissenschaft, die deutlich machen kann, dass dieser Alleinvertretungsanspruch falsch ist: Citizen Science, die Bürgerwissenschaft.

Dort wird nur ehrenamtlich geforscht, Stellen, Hierarchien, Fakultäten, Institutionen, Wissenschaftsminister gibt es nicht, auch keine Disziplinen, Unterdisziplinen, Zuständigkeiten und Dienstverträge. Transdisziplinarität ist ganz normal, nichts Schlimmes, Dummes, Fragwürdiges. Spezialisten gibt es auch, aber mit einem Alltagsblick auf Zusammenhänge und den Wandel um uns herum. Wird auch hierüber berichtet? Nein! Über einen wichtigen, wenn auch in seinem theoretischen Erklärungsanspruch bescheidenen Teil faktischer Wissenschaft, die mitten in der Gesellschaft stattfindet, wird nicht berichtet.
Das bedeutet: Wer nur die akademische Wissenschaft kommuniziert, müsste sich der Tatsache bewusst sein, dass er viel Elfenbeinforschung kommuniziert, die in ihrer Lebensferne eigentlich nur kritisch kommuniziert werden kann. Wohl gemerkt, ich sage nicht, dass alle akademische Wissenschaft schlecht ist; wie könnte ich! Es gibt großartige Beispiele menschlichen Vernunftgebrauchs in ihr, aber ihre Fortschritte haben zu viele Kehrseiten, ihre zunehmende Detailgenauigkeit ist zu häufig mit Zusammenhangsverlusten verbunden, ihre eigene Sprache ist zu bürgerunfreundlich geworden, um nur noch Gegenstand von Reportagen zu sein.

Auf all dies kann uns die vergleichsweise schlichte Bürgerforschung aufmerksam machen, die auch berichtenswert wäre; auch dann, wenn sie uns nur den Schwund der Feldlerchen zu Bewusstsein bringt, den des Dialekts eine Nachbarregion, die Geschichte einer Straße in meinem Wohnort oder das Aufbegehren gegen die Nichtanhörung von Bürgerwissen durch volksfern agierende Politiker. Vielen Wissenschaftskommunikatoren fehlt der Maßstab für das, was berichtenswert und was weniger berichtenswert ist; akademische Weihen und ihr Markt sind nicht ausschlaggebend.

Doch hinter diesem Maßstabsverlust steht etwas Schlimmeres: der Orientierungsverlust der akademischen Wissenschaft selbst. Sie ist ein Markt für Fremdinteressen geworden, bei denen Prestige- und Verwertungshoffnungen eine größere Rolle spielen als die Suche nach Erklärungen und dem Verständnis von Zusammenhängen. Hinter der schlechten Wissenschaftskommunikation steht ein überholungsbedürftiges Wissenschaftsverständnis, das ausgrenzt, was die Menschen zurecht interessiert und zu Unrecht hervorhebt, was Mode und Markt bedient. Und dahinter steht eine überholungsbedürftige akademische Wissenschaft, die die Kehrseiten ihrer Fortschritte nie ernsthaft aufgearbeitet hat. Sie täuscht sich oft über ihre Freiheit; davon ist ihr recht wenig verblieben. Das Maß, zu dem sie sich durch Wirtschaft, Verwaltung und Politik fremdsteuern lässt, ist nicht mehr feierlich. Ich spreche die Wissenschaftskommunikatoren nicht von eigenen Fehlern frei, wenn ich hierauf hinweise; sie müssten es aber auch selber weit mehr tun als bisher.

Ich denke, hinter der schlechten Wissenschaftskommunikation steckt ein noch gravierenderes Problem: eine überholungsbedürftige Wissenschaft.

Goede, Ronzheimer und Christian haben Recht: Mit der Wissenschaftskommunikation steht es nicht zum Besten. Wer nur als Reporter dessen unterwegs ist, was gerade läuft auf dem Markt der Wissenschaft, vernachlässigt einen wichtigen Teil seiner Aufgabe: Kritik. Wie in der Wissenschaft selbst ist auch in der Kommunikation über sie eine grundsätzlich kritische Einstellung nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

Aber ich möchte auf einen anderen Aspekt hinweisen: Wer das Unverständliche nicht verständlich machen kann, versagt als Kommunikator. Die Frage ist nur, warum. Meine Antwort lautet: Nicht immer, aber allzu häufig liegt der wahre Grund dieses Fehlers im Gegenstand, der kommuniziert werden soll. Hinter schlechter Wissenschaftskommunikation steht häufig eine schlechte, fragwürdige, dringend überholungsbedürftige Wissenschaft.
Als langjähriger Lehrstuhlinhaber für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld erlaube ich mir dieses kritische Urteil über große Teile der akademischen Wissenschaft. Diese Einschränkung soll zeigen: Sie ist nicht die ganze Wissenschaft, sondern nur diejenige, die von Berufs wegen, in Forschungsinstitutionen, in dem ganzen ausgedehnten Karrierebetrieb betrieben wird, der sich gern jenen Begriff zur Alleinvertretung sichert: Wissenschaft. Es gibt aber eine vergleichsweise bescheidene Spielart der Wissenschaft, die deutlich machen kann, dass dieser Alleinvertretungsanspruch falsch ist: Citizen Science, die Bürgerwissenschaft.

Dort wird nur ehrenamtlich geforscht, Stellen, Hierarchien, Fakultäten, Institutionen, Wissenschaftsminister gibt es nicht, auch keine Disziplinen, Unterdisziplinen, Zuständigkeiten und Dienstverträge. Transdisziplinarität ist ganz normal, nichts Schlimmes, Dummes, Fragwürdiges. Spezialisten gibt es auch, aber mit einem Alltagsblick auf Zusammenhänge und den Wandel um uns herum. Wird auch hierüber berichtet? Nein! Über einen wichtigen, wenn auch in seinem theoretischen Erklärungsanspruch bescheidenen Teil faktischer Wissenschaft, die mitten in der Gesellschaft stattfindet, wird nicht berichtet.
Das bedeutet: Wer nur die akademische Wissenschaft kommuniziert, müsste sich der Tatsache bewusst sein, dass er viel Elfenbeinforschung kommuniziert, die in ihrer Lebensferne eigentlich nur kritisch kommuniziert werden kann. Wohl gemerkt, ich sage nicht, dass alle akademische Wissenschaft schlecht ist; wie könnte ich! Es gibt großartige Beispiele menschlichen Vernunftgebrauchs in ihr, aber ihre Fortschritte haben zu viele Kehrseiten, ihre zunehmende Detailgenauigkeit ist zu häufig mit Zusammenhangsverlusten verbunden, ihre eigene Sprache ist zu bürgerunfreundlich geworden, um nur noch Gegenstand von Reportagen zu sein.

Auf all dies kann uns die vergleichsweise schlichte Bürgerforschung aufmerksam machen, die auch berichtenswert wäre; auch dann, wenn sie uns nur den Schwund der Feldlerchen zu Bewusstsein bringt, den des Dialekts eine Nachbarregion, die Geschichte einer Straße in meinem Wohnort oder das Aufbegehren gegen die Nichtanhörung von Bürgerwissen durch volksfern agierende Politiker. Vielen Wissenschaftskommunikatoren fehlt der Maßstab für das, was berichtenswert und was weniger berichtenswert ist; akademische Weihen und ihr Markt sind nicht ausschlaggebend.

Doch hinter diesem Maßstabsverlust steht etwas Schlimmeres: der Orientierungsverlust der akademischen Wissenschaft selbst. Sie ist ein Markt für Fremdinteressen geworden, bei denen Prestige- und Verwertungshoffnungen eine größere Rolle spielen als die Suche nach Erklärungen und dem Verständnis von Zusammenhängen. Hinter der schlechten Wissenschaftskommunikation steht ein überholungsbedürftiges Wissenschaftsverständnis, das ausgrenzt, was die Menschen zurecht interessiert und zu Unrecht hervorhebt, was Mode und Markt bedient. Und dahinter steht eine überholungsbedürftige akademische Wissenschaft, die die Kehrseiten ihrer Fortschritte nie ernsthaft aufgearbeitet hat. Sie täuscht sich oft über ihre Freiheit; davon ist ihr recht wenig verblieben. Das Maß, zu dem sie sich durch Wirtschaft, Verwaltung und Politik fremdsteuern lässt, ist nicht mehr feierlich. Ich spreche die Wissenschaftskommunikatoren nicht von eigenen Fehlern frei, wenn ich hierauf hinweise; sie müssten es aber auch selber weit mehr tun als bisher.

Dazu faellt mir dieser Beitrag ein, der es schafft, in 3 Minuten wenigstens die Komplexitaet der Higgs-Forschung zu vermitteln:

> FameLab Germany 2013: Michael Büker — Das Higgs-Teilchen im LKW
> oder das Popcorn im Beschleuniger

Dazu faellt mir dieser Beitrag ein, der es schafft, in 3 Minuten wenigstens die Komplexitaet der Higgs-Forschung zu vermitteln:

> FameLab Germany 2013: Michael Büker — Das Higgs-Teilchen im LKW
> oder das Popcorn im Beschleuniger

Post-Copenhagen-Reflexion: Lassen wir Nano hinter uns, gehen 1 Schritt weiter und fragen: Welcher Bürger versteht „Cutting Edge Research“, die wissenschaftlichen Grundlagen und Abläufe bei etwa Synthetischer Biologie; oder wem ist wohl bei „Mücken mit Selbstmord-Gen“ — Gentechnisch veränderte Hightech-Insekten sollen Dengue-Fieber bekämpfen“ (Welt, 28.VI.14).

Es geht a) um umfassende Information, Laien verständlich aufbereitet und appetitlich dargeboten und b) um eine kritische Bewertung der Forschung, durch Experten und letztlich auch Steuerzahler, Wähler, Konsumenten.

Die Wissenschaftsdebatte ist ein Werkzeug der Demokratie und soll Bürger in forscherisch-wissenschaftlich-technologischen Belangen zu Mitentscheidern machen, nicht nur singulär bei Nano, sondern allen kontroversen Themen, quer durch die Forschungslandschaft.

Der Gedanke wurde nicht von der TELI erfunden, sondern kursiert seit unserem demokratiepolitischen Aufbruch in den 1970ern. Wir TELIaner versuchen, ihm mit der Wissenschaftsdebatte neue Flügel wachsen zu lassen. Ihr liegt das angelsächsische Gebot von „Checks & Balances“ zugrunde, aber: Im technologisch-industriellen Komplex werden heute politische Kontrollgremien durchtunnelt.

Das ruft nach neuen Gegengewichten und Formaten und Partizipationsprojekten, wie sie auch von Professor Peter Finke mit CITIZEN SCIENCE *) sowie Professor Wolfgang Donsbach **) CITIZEN [SCIENCE] JOURNALISM adressiert werden. Hiervon könnte auch partizipative Forschungskommunikation profitieren, bei der sich Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren, Bürgerinnen und Bürger auf Augenhöhe begegnen.

*)Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. München Oekom 2014

**)Wolfgang Donsbach: Journalism as the new knowledge profession and consequences for journalism education, Journalism July 2014

WÖM sagt, ihr sollt nicht hypen. Genau das macht aber die „Erschütterung von Kopenhagen“! Es liegt wohl am Veranstaltungsformat, wenn der Ignoranz-Level so hoch ist.
Warum wurde dort nicht die IÖW-Studie von 2013 eingeführt? „Nanoview – Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung der Nanotechnologien und zielgruppenspezifische Risikokommunikationsstrategien“
ISBN: 978-3-943963-10-6
ISSN: 1614-3841
Dort hat man einen anderen, weniger erschütternden Wissensstand ermittelt.
Auszug: „Für Deutschland liegen darüber hinaus gehende Befunde zur Bekanntheit und zum Wissensstand vor. In der Befragung, die in Zimmer et al. (2008) dokumentiert ist, geben – nachdem sie eine kurze Definition von Nanotechnologien erhalten haben – 23 % der Befragten (n = 1.000) an, dass sie noch nichts davon gehört haben, 68 % „etwas“ und 9 % „eine Menge“. …
Zudem nennen die Befragten im Durchschnitt sieben bis acht unterschiedliche Anwendungsbereiche für Nanotechnologien, was den Autoren zufolge für einen unerwartet hohen Wissensstand spricht (vgl. Tab. 3). Die am häufigsten genannten Bereiche sind Medizin, Oberflächenbeschichtung, Lebensmittel, Auto und Informationstechnik/Elektronik.“

Die Studie hier zum Download:
http://www.bfr.bund.de/cm/350/nanoview-einflussfaktoren-auf-die-wahrnehmung-der-nanotechnologien-und-zielgruppenspezifische-risikokommunikationsstrategien.pdf

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