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Der neue „Weitze-Heckl“ – Stichwortsammlung für die Wissenschaftskommunikation

Blogautor Wissenschaft kommuniziertTitel_Wissenschaftskommunikation-1Es ist schon ein besonderes Ereignis: Deutschlands dienstältester Professor für Wissenschaftskommunikation, Wolfgang Heckl von der TU München, zugleich Direktor des Deutschen Museums, veröffentlicht nach fast sieben Jahren sein erstes größeres Werk zu diesem Thema, zusammen mit dem Leiter des Themenschwerpunkts Wissenschaftskommunikation bei der Akademie der Technikwissenschaften „acatech“, Marc-Denis Weitze. Und das, nachdem es in all den Jahren, trotz hoch wogender Debatten um das Thema Wissenschaftskommunikation, von der TU München bislang kaum etwas Bemerkenswertes zu hören gab. Geballtes Expertenwissen – nach jahrelangem Schweigen.

Große Erwartungen also. Fehlt in Deutschland doch noch immer ein Standardwerk zur Wissenschaftskommunikation, sei es als Hand- oder als Lehrbuch. Das Thema ist ausgesprochen schlecht dokumentiert, entsprechend schlecht sind die Möglichkeiten zur Ausbildung, nicht einmal das Selbststudium kann angesichts dieser Literaturlage gelingen. Die Spannung war also groß, als ich das Päckchen geöffnet habe, in dem das neue Buch zu mir kam: „Wissenschaftskommunikation – Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele“ von Marc-Denis Weitze und Wolfgang M. Heckl.*)

Dr. Marc-Denis Weitze
Dr. Marc-Denis Weitze
Prof. Wolfgang M. Heckl
Prof. Wolfgang M. Heckl

Doch bereits der Blick auf das Titelbild hätte fast alle Erwartungen enttäuscht: Acht Menschen (sechs weiblich, ganz am Rand ein Mann und ein Junge) blicken, die Hände flach vor sich auf einem runden Tisch, erwartungsvoll nach oben in eine weiße Wolke, als ob sie auf eine Erleuchtung warten. Tatsächlich strahlt aus dem Dampf das Licht in ihre Gesichter, das seine Kraft wiederum bezieht aus dem großen weißen Text „Wissenschaftskommunikation“ darüber. Dieses eher an eine esoterische Spiritisten-Session erinnernde Bild ist so ziemlich das Unpassendste, was man sich zu diesem Buch und seinen Inhalten vorstellen kann.

Nun ja, das Bild des Experiments „Wolkenringe“stammt zwar aus dem Wissenschaftszentrum  Science Center „Phaeno“ in Wolfsburg, doch selbst wenn man es ohne Esoterik interpretiert, widerspricht es glücklicherweise all dem, was die beiden Autoren im Buch schreiben und proklamieren: Es geht bei der Wissenschaftskommunikation nicht in erster Linie um Aufklärung und Erleuchtung der Bürger, die Herausforderung dieses Fach sind vielmehr Dialog und Partizipation. (Nur ganz am Rande: Wenn die beiden Wissenschaftskommunikations-Experten auch nur das geringste Gespür für die kommunikative Wirkung von Bildern haben, mussten sie auf das Heftigste beim Verlag gegen dieses Titelbild protestieren. Und wenn sie damit nicht durchgekommen sind, dann spricht dieses Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Verlage – hier: Springer Spektrum – heute den Kommerz über den Inhalt stellen, oder auf den Inhalt keine Rücksicht mehr nehmen.)

Wer das Buch aber aufschlägt, wird deutlich weniger enttäuscht. Leider ist es weder Hand- noch Lehrbuch, aber eine umfassende Sammlung von Schlüsselbegriffen und Einflussfaktoren für die Wissenschaftskommunikation, wie man sie selten so zusammengefasst findet, von der Zielgruppe bis zur Politikberatung,von Vertrauen bis zum Wissenschaftsmarketing, von der Akzeptanzbeschaffung bis zur didaktischen Erklärung. Und dennoch verführt das Buch nicht zu Begeisterungsstürmen. Das liegt einerseits an den Dingen, die fehlen, andererseits an der Behandlung der vielseitigen Aspekte, die es aufführt.

Was fehlt? Zunächst einmal vermisse ich bei den vielen Schlüsselbegriffen den erklärenden Zusammenhang. Welche Rolle spielen Erklärungen? Welche Kontroversen? Wozu überhaupt soll Wissenschaftskommunikation betrieben werden? Was sind die Ziele (nur ganz kurz am Ende abgehandelt)? Es sind doch nicht die „Schlüsselideen“, wie sie von den Autoren bezeichnet werden, die das höchst komplexe Bemühen um Wissenschaftskommunikation verbindet, sondern die Ziele. Und wie sehen die aus: Akzeptanzbeschaffung? Rechtfertigung des Aufwands? Nachwuchswerbung? Institutionsmarketing? Oder Dialog mit der Gesellschaft bis hinzur Partizipation?

Da kommt aber auch gleich eine der positiven Seiten dieses Buchs zum tragen: Die Autoren räumen eindeutig mit dem Glauben an das „Defizit-Modell“ auf: Diesen in Wissenschaftlergehirnen (zumindest in Deutschland) scheinbar fest vermauerten Aberglauben, dass mehr Information und Erklärung von Wissenschaft zu mehr Akzeptanz führt. Und sie sehen eindeutig den Weg der Wissenschaftskommunikation nicht in der Belehrung, sondern im Dialog auf Augenhöhe und in der Partizipation der Gesellschaft.

Ähnlich ambivalent geht es weiter bei der Lektüre des neuen Weitze-Heckl: Schön, dass einmal die Geschichte der Wissenschaftskommunikation dargestellt wird. Aber sie beginnt nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg – was haben die GDNÄ oder Jules Vernes und Hans Dominik anderes betrieben? Und auch der Blick in die USA fällt bei Weitze und Heckl recht oberflächlich aus, nicht einmal die American Association for the Advancement of Science (AAAS) wird hier erwähnt, die so viele Impulse zur Wissenschaftskommunikation für Deutschland und Europa gegeben hat (was Heckl als Gastgeber der ESOF 2006 eigentlich weiß), viel mehr als die britischen Vorbilder, die (etwas) detaillierter geschildert werden.

Schön auch die Auflistung derAkteure, die an der Wissenschaftskommunikation mitwirken: Von den Schulen bis zu den kommunizierenden Wissenschaftlern, von den Medien bis zu den Politikern. Doch zwei ganz wichtige fehlen: Die Wissenschaftskommunikatoren (ausgerechnet und wieder einmal) und die Institutionen, die den Wissenschaftlern die Basis für ihre Arbeit bereitstellen und sowohl Motivation als auch Infrastruktur für die Kommunikation beisteuern (siehe: Die Kommunifizierung der Wissenschaft).

Wertvoll auch, dass die beiden Autoren klarstellen, es geht bei der Wissenschaftskommunikation gar nicht in erster Linie um Wissen, wie oft geglaubt wird, sondern um Werte: Im Dialog gemeinsame Werte mit der Gesellschaft finden und verankern. Und sie führen in die Diskussion um das Wissen den Begriff des „sozial robusten Wissens“ ein, das sich durch drei wesentliche Merkmale vom (stetig veränderbaren, sich weiterentwickelnden) wissenschaftlichen Wissen unterscheidet: Es ist auch außerhalb des Labors valide, an seinem Entstehen ist auch die Gesellschaft beteiligt und es enthält nicht nur die fachliche, sondern sehr viele weitere Perspektiven. Ein hochinteressanter Anstoß, der auf die österreichische Sozialwissenschaftlerin Helga Nowotny zurückgeht, über den es sich wirklich lohnt, nachzudenken. Doch die Autoren widmen diesem Nachdenken gerade einmal zehn Zeilen.

Und damit sind wir bei einem der großen Probleme dieses Buchs: Der Umgang mit den durchweg wichtigen Schlüsselbegriffen und den meist richtigen Thesen. Obwohl das Buch mit 300 Seiten nicht gerade dünn ist, geschieht dies fast immer sehr kursorisch. Oft genug definieren die Autoren in zwei/drei Sätzen einen Begriff und dann folgt ein längeres Zitat dazu. Und das wars dann schon. Es fehlt, dass die Autoren selbst Zusammenhänge herstellen, Gedanken und Fakten einordnen, Hintergründe erläutern und Schlussfolgerungen ziehen. Das ist eher die Ausnahme. Stattdessen wird ausgiebig zitiert, auffälligerweise vor allem aus gedruckten (und entsprechend oft auch angestaubten) Publikationen, die am Ende in einem mehr als 20seitigen Literaturverzeichnis aufgeführt sind. Zitate aus dem Internet, die angesichts der laufenden Diskussion zur Wissenschaftskommunikation reichlich und aktuell vorhanden wären, gibt es nur in einigen Kapiteln, und sind dann nicht im Literaturverzeichnis, sondern direkt im Text in Klammern belegt (was stört, sowohl beim Lesefluss als auch beim Überblick über die Zitate). Auch viele Querverweise innerhalb des Buchs schaffen kaum mehr Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln.

Am Ende der Lektüre habe ich lange überlegt, wen die Autoren wohl als Zielgruppe ihres Buches vor Augen gehabt haben. Denn für Insider der Wissenschaftskommunikation ist das Buch lediglich eine nette Stichwortsammlung, vielleicht sogar eine für Reden und Aufsätze willkommene Zitatensammlung. Für Menschen, die ihrerseits in die Wissenschaftskommunikation tiefer einsteigen möchten, ist das Buch zu kursorisch, erklärt zu wenig die Zusammenhänge der komplexen Materie, führt kaum in die Hintergründe ein. Die einzige Idee, die mir kam: Es ist gut für Wissenschaftler, die entweder neu in die Verantwortung für Kommunikation hineinwachsen oder aber die Verantwortung zur Kommunikation für sich und ihre Institution entdeckt haben: Die Autoren sind ausgewiesene Wissenschaftler, es werden die Aspekte der Wissenschaftskommunikation vielseitig, verständlich sowie mit Zitaten belegt und kurz genug dargestellt, und es werden die richtigen, zukunftsweisenden Thesen vertreten. Ihnen sei dieses Buch – trotz seiner Mängel – ausdrücklich empfohlen. Zugleich hoffe ich nur, dass das Titelbild sie nicht von der Lektüre abschreckt.

 

* Weitze, Marc-Denis, Heckl, Wolfgang M.: Wissenschaftskommunikation – Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele, 2016, Springer Spektrum, eBook ISBN 978-3-662-47843-1; DOI 10.1007/978-3-662-47843-1; Softcover ISBN 978-3-662-47842-4

5 Antworten auf „Der neue „Weitze-Heckl“ – Stichwortsammlung für die Wissenschaftskommunikation“

Lieber Herr Dr. Weitze,
Sie haben recht: Alles, was Jung und Alt gemeinsam unternehmen, ist schön. Und das Bild vom „Geist aus der Flasche“ stammt aus dem Buch, das mich als Junge vor über 50 Jahren für Wissenschaft motiviert hat (Heinz Haber: Unser Freund das Atom). Aber genügen diese Dinge als Kern der Wissenschaftskommunikation heute? Zumal sich seitdem unsere Gesellschaft, die Wissenschaft und nicht zuletzt die Wissenschaftskommunikation grundlegend verändert haben. Sie selbst sind in Ihrem Buch ja auch gar nicht rückwärts gewandt, sondern berücksichtigen all dies. Und mit Verlaub: Auch Carl Sagan war eine andere Zeit, und er war in seinem Format unvergleichlich.
Noch ein Tipp von einem erfahrenen Wissenschaftsredakteur: Da gilt die Regel: Was ich nicht bebildern kann, darf ich nicht bebildern. Es gibt genug andere Möglichkeiten guter grafischer Gestaltung.
P.S. Den Fehler mit dem Science Center korrigiere ich gern.

Lieber Herr Korbmann,

Danke für Ihr Interesse an unserem Werk und Ihre Rezension. Erlauben Sie eine Richtigstellung: Der Verlag hat das Titelbild keineswegs vorgegeben. Das ist unsere eigene Idee, die wir hier gerne in einer Art Beipackzettel erläutern.

Einer der Zugänge zu Naturwissenschaft, der uns persönlich besonders sympathisch ist, ist der Umgang mit Naturphänomenen. Dieser Umgang wird u.a. im Deutschen Museum und in Science Centers wie dem phaeno ermöglicht. (Bitte übersetzen Sie „Science Center“ nie mit „Wissenschaftszentrum“.) Nun haben wir bewusst die von Ihnen erkannte Assoziation zu einer „esoterischen Spiritisten-Session“ provoziert – denn das ist ein Vorläufer der Naturforschung. Und ist es nicht schön, wenn mehrere Generationen gemeinsam experimentieren? Sie sollten in der Dampfwolke noch mehr lesen: Erkennen Sie den Geist aus der Flasche und den Atompilz? Schwupp – sind wir mitten in der Wissenschaftskommunikation.

Wie bebildert man „Wissenschaftskommunikation“? Vielleicht können wir mal einen Wettbewerb ausschreiben, dessen Siegerillustration dann auf die Titelseite des Lehr- und Handbuches kommt, das Ihnen noch fehlt. Eine Collage, die die Vielfalt spiegelt, oder lieber etwas Abstraktes? Eine Außenaufnahme vom Deutschen Museum? Schauen Sie bitte mal die erste Auflage des Routledge Handbook of PCST an: Carl Sagan in der Pose eines Schlagersängers – war das dann auch unpassend und abschreckend?

Viele Grüße
MDW

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