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Wissenschaft und Kommunikation

Gegen die Entfremdung von Wissenschaft und Gesellschaft – Eine Initiative als Vorbild

Sechs Größen der amerikanischen Stiftungslandschaft tun sich zusammen, um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Ein Vorbild für Deutschland? Für Europa?

Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Eines wird immer klarer: Die Wissenschaft braucht ein neues Verhältnis zur Gesellschaft. Das alte Modell – nach dem Motto: Wir schaffen Wissen und Ihr Gesellschaft habt dies zu goutieren und dieses Wissen als Richtschnur Eures Handelns zu akzeptieren – dieses Modell funktioniert nicht mehr. Doch wie könnte es aussehen, dieses neue Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft? Wie kann man dann dorthin kommen, die notwendigen Veränderungen in den Köpfen und Institutionen anstoßen, die Regeln für das neue Zusammenleben schaffen? Was muss man heute tun, um vielleicht in einer oder zwei Generationen am Ziel zu sein? Es geht um schwerfällige gesellschaftliche Systeme – Wissenschaft und die vielen betroffenen Teilsysteme der Gesellschaft, wie Politik, Wirtschaft, Rechtswesen, Soziales …..

Fragen über Fragen, auf die niemand heute wirklich eine Antwort weiß, die aber für das Überleben einer leistungsfähigen Wissenschaft in Zukunft entscheidend sein werden (auch wenn das heute viele Wissenschaftler und andere um Wissenschaft Besorgte noch nicht einsehen mögen). Und im Zentrum all dieser Fragen steht die Wissenschaftskommunikation: Wie kommunizieren Wissenschaft und Gesellschaft miteinander, wie vermittelt Wissenschaft der Gesellschaft – von der sie vollkommen abhängig ist – überzeugend, was sie braucht und was sie leistet, wie kommuniziert die Gesellschaft andererseits, was sie von der Wissenschaft erwartet?

Sechs Stiftungen in den USA haben das Problem erkannt und jetzt ein gemeinsames Projekt gestartet, für das sie einen kompetenten Leiter suchen. Sie wollen eine Vision für ein neues Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft schaffen und mögliche Lösungsansätze aufzeigen: Ein Mammutprojekt, das sicher nicht in dem zunächst finanzierten einen Jahr abgeschlossen sein wird. Das Vorhaben wurde jetzt durch die Stellenanzeige für den Leiter bekannt. Allein die Beschreibung des Projekts ist ein Paukenschlag, der viele in der Wissenschaft wachrütteln soll, die sich bisher über die Entfremdung von Wissenschaft und Gesellschaft nur wenig Gedanken machen, oder die nicht glauben, dass es höchste Zeit ist, etwas dagegen zu tun.

Ein neues Zusammenleben von Wissenschaft und Gesellschaft

Ein neues Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft? Ist das nötig? Und ob. Wie sieht denn das Verhältnis heute aus? Wer darüber nachdenkt, sieht viele Bereiche, wo es mit der Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr ganz klappt, oder wo sich zumindest Konflikte abzeichnen. Zum Beispiel hat sich die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten verändert. Selbst Grundlagenforschung schwebt heute nicht mehr in wertfreien Räumen, sondern ist eng mit der Praxis verbunden und hat so unmittelbare Auswirkungen auf die Bürger. Zudem wird die Forschung zunehmend transformativ, zielt also auf gesellschaftlichen Wandel, stellt damit Forderungen an die Gemeinschaft, will das Verhalten von Menschen verändern und stößt damit natürlich immer wieder und immer heftiger auf Widerstände, wird zum Gegenstand gesellschaftlicher Diskussionen. Sehr treffend beschrieben hat diese Veränderungen vor kurzem Dr. Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in diesem Blog in seinem Gastbeitrag „Vom Verständnis zur Verständigung – Denkanstöße nach 20 Jahren PUSH“. Das will ich hier nicht wiederholen.

Und auch die Gesellschaft hat sich drastisch verändert. Unsere Demokratie funktioniert heute anders als vor 70 Jahren, als das Grundgesetz geschaffen wurde. An den entscheidenden Stellen der Politik stehen heute immer weniger gestandene Persönlichkeiten, die sich für ihre Werte und Überzeugungen wählen lassen, sondern vorwiegend Berufspolitiker, die durch Meinungsumfragen und Pressespiegel die momentanen Ansichten ihrer Wähler ergründen und entsprechend für ihre Klientel mit dem Ziel entscheiden, wiedergewählt zu werden.

Apropos Pressespiegel, das ist ja auch veraltet. Denn mit dem Internet und Social Media hat sich die Medienwelt dramatisch gewandelt und damit die Wege der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildung. Nicht nur, dass die herkömmlichen Medien unter vitalen Wettberwerbsdruck geraten sind und um jede verkaufsträchtige Schlagzeile kämpfen. Nein, jeder Bürger kann heute mit seinen Ansichten Milliarden Menschen auf der ganzen Welt erreichen – gleichgültig wie tiefgründig oder absurd die Gedanken sind. Die das tun, treffen dabei auf so viele Gleichgesinnte, dass aus der Privatmeinung schnell eine politisch relevante Bewegung wird, aus einsamen Querdenkern werden engagierte Communities. Das bedeutet aber auch: Wer sich früher als Spinner in eine Ecke gestellt sah, wird heute zum Wortführer einer politisch wirksamen Gruppe. Likes, Follower und nach oben gestreckte Daumen motivieren ihn zusätzlich und sind zugleich ganz wichtige Signale für Politiker und sensationsheischende Medien, diese Meinungen weiter zu streuen und ernst zu nehmen.

Kompetenz und erarbeitetes Wissen, die Wissenschaftler für sich in Anspruch nehmen, haben in dieser Welt an Bedeutung verloren. Gatekeeper, die verantwortlich Einfluss ausüben, dass Informationen nachprüfbar sind und Meinungen Hand und Fuß haben – etwa Journalisten – gibt es immer weniger, mit abnehmender Wirkung. Kurzfristigen Hypes und Demagogen sind Tür und Tor geöffnet.

Der klassisch erzogene Bildungsbürger möchte am liebsten weinen. Aber was solls? Weinen ändert gar nichts. Die Informationswelt der Zukunft sieht so oder ähnlich aus. Und wir stehen erst ganz am Anfang dieser Entwicklung. Doch viele Wissenschaftler haben davon offensichtlich noch gar nichts bemerkt, wie vor kurzem eine Podiumsdiskussion der Max-Planck-Gesellschaft zum 70jährigen Jubiläum des Grundgesetzes zeigte, wo die Referenten viele Gefährdungen und Einschränkungen der Forschungsfreiheit beklagten. Befragt, was die Wissenschaft angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen denn tue, um ihre Freiheit zu verteidigen, kam die Antwort, da sei man doch gerade dabei. Beim Klagen.

Ganz sicher ist es richtig, dass die die Wissenschaft zu ihrem Ethos steht, Fakten zu schaffen, anhand von Fakten zu argumentieren und zu entscheiden. Sie schafft damit nicht nur eine Grundlage für unser materielles Wohlergehen, sondern bildet auch eine Basis für kulturelle Werte und für Entscheidungen in einer Demokratie. Doch das Ethos darf nicht zur Scheuklappe werden. Wo fachliche Kompetenz immer weniger zählt, wo politische Entscheidungen immer stärker auch mit Neideffekten belastet sind, wo Bürger – unabhängig von Kompetenz oder persönlicher Betroffenheit – immer stärker Partizipation und Mitentscheidung fordern, sind vor allem auch die Privilegien der Wissenschaft ernsthaft bedroht. Aber genau die – etwa Forschungsfreiheit, Finanzierung, Ausbildung des Nachwuchses, und so weiter – braucht die Wissenschaft, um erfolgreich arbeiten zu können.

Das ist die Situation, die mehr und mehr Menschen erkennen, die an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft arbeiten. Das beginnt etwa beim Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Prof. Peter Strohschneider (siehe dazu: „Das Ende der ‚Einsamkeit in Freiheit‘?“ in diesem Blog), oder beim Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Dr. Wilhelm Krull („‘Wissenschaft braucht die Gesellschaft‘ – Offene Worte zur Wissenschaftskommunikation“ in diesem Blog), oder dem Referatsleiter Forschung der Robert-Bosch-Stiftung, Patrick Kluegel, (persönliche Kommunikation) und endet bei weitem nicht bei Dr. Volker Meyer-Guckel, seines Zeichens stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft und zuständig für Forschungsförderung – und allen, die in der Wissenschaftskommunikation tätig sind.

Ein Mammutprojekt nimmt Gestalt

Allen ist klar, Wissenschaft und Gesellschaft müssen ein neues Verhältnis zueinander finden. Doch die vielen Fragen, die sich damit stellen, hat noch niemand systematisch angegangen. Fortschritte sind nur durch ein Mammutprojekt erwarten, erst einmal die Entwicklung einer Vision, ganz besonders aber dann die praktische Umsetzung auf allen Ebenen.

Deshalb ist die Initiative der sechs Stiftungen in den USA so bemerkenswert. Zugegeben, in den USA ist das Problem mit Wissenschaftsleugnern in höchsten Regierungsämtern besonders virulent. Dafür dürfte es dort, angesichts der anderen Mentalität und der bereits erarbeiteten Grundlagen, der Wissenschaft viel leichter fallen, auf die Gesellschaft zuzugehen, sich den Veränderungen zu stellen. Bislang besteht die Initiative der sechs Stiftungen lediglich aus einer Stellenausschreibung (auf die Prof. Dietram Scheufele (@Scheufele) dankenswerterweise in einem Tweet aufmerksam gemacht hat). Die Stiftungen suchen einen Projektleiter, der innerhalb eines Jahres(!) eine Vision zum künftigen Zusammenwirken von Wissenschaft und Gesellschaft sowie Wege zur Realisierung dieser Vision entwirft.

Zunächst einmal: Die sechs Stiftungen, die sich hier zur „Science in Society Collaborative“ zusammengetan haben, sind Schwergewichte in der reichen amerikanischen Stiftungslandschaft, die alle an der Grenzfläche von Wissenschaft und Gesellschaft arbeiten.

  • Die Chan-Zuckerberg-Initiative, eigentlich eine GmbH, keine Stiftung, vor vier Jahren gegründet von Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan, die jedes Jahr eine Milliarde Dollar in Facebook-Aktien aus deren Privatvermögen erhält, um neue Wege zur Förderung von Technologie, Community-Lösungen und Zusammenarbeit zu unterstützen.
  • Die Stiftung des Hewlett-Packard-Gründers David und seiner Frau Lucile Packard, die Naturschutz und Wissenschaft unterstützt.
  • Die Stiftung des Intel-Gründers und Mikroprozessor-Erfinders Gordon Moore und seiner Frau Betty, die Projekte fördert, die die Lebensqualität künftiger Generationen verbessern helfen (so half sie etwa beim Start von Wikipedia).
  • Die Kavli-Stiftung, gegründet im Jahr 2000 von dem aus Norwegen stammenden Physiker und Sensor-Produzenten Fred Kavli, die unter anderem den alle zwei Jahre vom Norwegischen König verliehenen und mit je einer Million Dollar dotierten Kavli-Preis in Astronomie, Nanowissenschaften und Neurowissenschaften finanziert.
  • Der Burroughs Wellcome Fund, ursprünglich eine Firmenstiftung, inzwischen unabhängig und privat, die biomedizinische Forschung und ihr gesellschaftliches Umfeld unterstützt.
  • Die Rita Allen Stiftung, gegründet 1953 von der Theater-Familie Allen/Cassel, die sich zum Ziel gesetzt hat, transformative Ideen in ihrer Frühphase zu unterstützen und bahnbrechende Lösungen für bedeutende Probleme zu fördern.

Insgesamt kommt da ein Stiftungskapital von über 18 Milliarden Dollar zusammen. Rund das Fünffache des Kapitals der Volkswagenstiftung, des größten privaten Forschungsförderers in Deutschland – genug Finanzkraft, um nicht nur die Entwicklung einer Vision zu finanzieren, sondern danach auch ihre Umsetzung tatkräftig zu unterstützen.

Am Anfang: Ein gemeinsames Manifest zu Wissenschaft und Gesellschaft

Am beeindruckensten aber ist die Beschreibung des Projekts, auf das sich die sechs Stiftungen geeinigt haben. Sie liest sich wie ein Manifest: „Der Bedarf für ein festeres, gegenseitig vorteilhaftes und partnerschaftliches Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft war noch nie so dringend wie heute. Einzelpersonen, Gemeinschaften und die gesamte Weltbevölkerung stehen vor sich beschleunigenden und zunehmend komplizierten Problemen. Eine sich rasch entwickelnde, hochkomplexe Wissenschaft trägt einerseits zu diesen Herausforderungen bei und verspricht andererseits Lösungsmöglichkeiten anzubieten – Genchirurgie, Künstliche Intelligenz und Meeresökologie sind nur einige Beispiele für akut relevante, gesellschaftspolitisch problematische und potenziell transformierende Forschungsgebiete. Die Wissenschafts-Community muss den gesellschaftlichen Kontext, in dem sie agiert, verstehen und darauf reagieren, will sie ein maßgebliches und unverzichtbares Element dieser Gesellschaft bleiben. Die Bestimmung des Kurses, den diese Wissenschaft in demokratischen Gesellschaften nehmen soll, erfordert nicht nur technisch-wissenschaftliche Antworten, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Ethik, gesellschaftliche Werte und Bedürfnisse, Wirtschaft und öffentliche Gesundheit.“

Die sechs Stiftungen der Kollaborative sehen mögliche Lösungen für diese Probleme nicht darin, Einzelprobleme zu beseitigen. „Wir haben, zusammen mit unseren Partnern vor Ort, begonnen, nach den wesentlichen Ursachen dieser Entfremdung zu suchen und damit nach den Lösungsmöglichkeiten, die sich bieten: neue Verbindungen und Kooperationen aufzubauen, die eine sinnvollere, integrierte Einbindung der Wissenschaft in die Gesellschaft vorantreiben können.“

Fazit: Eine aufrüttelnde Problembeschreibung, ein tiefgehendes Engagement kapitalkräftiger Förderer und die Absicht, vor großen Veränderungen nicht zurückzuschrecken.

Ein Vorbild für Deutschland und Europa

Doch mir stellt sich die Frage: Braucht nur Amerika solch ein Projekt? Wenn ich mir die Lage in Europa betrachte, dann ist die Situation hier nicht besser – mit der Ausnahme, dass es noch keine wissenschaftsleugnenden Entscheider in wichtigen Ländern in höchste Regierungsämter geschafft haben. Doch schon die Beispiele Ungarn und Türkei zeigen, wie nahe auch hier Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit beieinanderliegen. Rechtspopulistische Parteien, die wissenschaftliche Fakten leugnen, wenn sie ihrer Ideologie im Wege stehen, gewinnen von Italien bis Österreich und Deutschland zunehmend an Einfluss. In Großbritannien hat gerade eine populistische Machtergreifung mit unsicherem Ausgang stattgefunden.

Und schlimmer noch: Die überkommene Kultur der Wissenschaft, die sich als „Gelehrtengesellschaft“ versteht, ist in Europa sehr viel weiter als in den USA von der Zivilgesellschaft entfernt, in der sie leben. Hier ist in Europa sehr viel mehr Überzeugungsarbeit zu leisten als die sechs amerikanischen Stiftungen aufbringen müssen, um die Wissenschaftler auf ihre Seite zu ziehen.

Ich will nicht weiter in die Probleme Europas eindringen, um mögliche Initiativen nicht zu entmutigen. Im Gegenteil, ich will ermutigen! Wäre es nicht ein notwendiges, sinnvolles und für die Wissenschaft in unseren Landen überlebenswichtiges Projekt, eine ähnliche Initiative auch hier zu schaffen? Wie ist es, Stifterverband , Volkswagenstiftung, Bosch-Stiftung, Tschira-Stiftung, Körber-Stiftung oder alle weiteren, die sich dem Wohl einer leistungsfähigen Wissenschaft und einer funktionierenden Demokratie verpflichtet fühlen? Wäre es nicht Zeit für eine gemeinsame Initiative? Vielleicht sogar mit euren Europäischen Partnern zusammen?

Die Situation ist da, die Zeit ist da, das Engagement für Wissenschaft und Gesellschaft ebenfalls. Eine gemeinsame Intiative wäre ein mächtiges Zeichen in die Wissenschaft und in die Gesellschaft hinein, wie notwendig es ist, ein neues Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu finden (viel stärker, als wenn dies eine Stiftung allein tun würde). Was fehlt? Der notwendige starke Wille und der Mut, solch ein Projekt durchzusetzen? – Mal ehrlich, daran dürfte es doch wirklich nicht scheitern.

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