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Krise – welche Krise? 19 Thesen zu Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus

R.Korbmann, Blogger für Wissenschaftskommunikation
Reiner Korbmann

Am 10. April war ich von der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Experte zu einem Gespräch über Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus geladen, dessen Thema die Krise in beiden Bereichen sein sollte. Dort habe ich den Abgeordneten folgendes Thesenpapier vorgelegt:

Vorbemerkung: Ich kenne beiden Seiten: Wissenschaftsjournalismus (30 Jahre) und Wissenschaftskommunikation (15 Jahre). Doch ich bin zu lange raus aus dem aktuellen Tagesgeschäft, um gute Ratschläge geben zu können, welche Formate und Projekte Sie fördern sollten und welche nicht. Ich kann Ihnen eher mit Abstand Hinweise geben, wo Sie als Politiker mit Förderung und anderen Maßnahmen ansetzen, welche Wege zum Ziel führen können und welche nicht.

Zum Thema:

  • Die Krise des Wissenschaftsjournalismus ist keine Krise des Wissenschaftsjournalismus, sondern eine Krise der Medien, genauer: der Medientransformation durch das Internet.
  • Diese Medientransformation schreitet voran, wir befinden uns erst ganz am Anfang.
  • Beim übergeordneten Problem (der Rolle der Medien in einer Demokratie) genügt es nicht, die Medien und die für sie arbeitenden Journalisten zu fördern und „am Leben zu erhalten“.
  • Es geht für die Demokratie um das Öffentlichmachen von nachprüfbaren, auf Fakten basierenden Informationen und unabhängigen, kritischen Einordnungen.
  • Aufgabe der Politik ist es, die Entwicklung von Geschäftsmodellen und Rahmenbedingungen zu fördern, wie diese Informationen und Einordnungen in einer transformierten Medienlandschaft unabhängig gewonnen, veröffentlicht und erkannt werden können. (Ein Beispiel: MediaLab in Bayern „Rocking Science Journalism“)
  • Das ist Medienpolitik, nicht Forschungspolitik.

Zum Wissenschaftsjournalismus:

  • Wissenschaftsjournalisten sind kein Teil des Systems Wissenschaft (damit auch nicht der Wissenschaftskommunikation), sie sind Teil des gesellschaftlichen Systems Medien.
  • Die Medienkrise, unter der die Wissenschaftsjournalisten leiden, besteht vor allem darin, dass den herkömmlichen Medien und damit den Wissenschaftsjournalisten die Leser/Zuhörer davonlaufen (und es mit dem Älterwerden junger Menschen noch verstärkt tun werden).
  • Dadurch entsteht jedoch kein Mangel an Informationen über Wissenschaft (siehe Abschnitt Wissenschaftskommunikation), sondern ein Mangel an unabhängigem, kritischem, einordnendem Wissen über Wissenschaft – es fehlt an verarbeiteter Information.
  • Das Problem ist dreifach: Dieses Wissen wird im Internet nicht geliefert (oder gefunden), in den Medien zu wenig nachgefragt und es wird von den Wissenschaftsjournalisten oft nicht geliefert. (Beispiele:Plastikmüll im Essen, Stickoxid-Papier der Lungenärzte).
  • Generell wird die Rolle von Wissenschaftsjournalisten in der Wissenschaftskommunikation überschätzt, vor allem von Seiten der Wissenschaft/Wissenschaftskommunikation. Der überwiegende Teil gesellschaftlich relevanter Wissenschaftsinformationen kommt über andere Ressorts und andere Wege in die Öffentlichkeit. Es fehlt eher an Wissenschaftsexpertise in den aktuellen Ressorts, vor allem auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Zur Wissenschaftskommunikation:

  • Die Wissenschaftskommunikation, also die Kommunikation der Wissenschaft mit der Gesellschaft, befindet sich in keiner Krise – im Gegenteil, sie ist mitten in einem beispiellosen Aufschwung.
  • Getrieben wird dieser Aufschwung durch zunehmende Rechtfertigungsansprüche der Politik, durch wachsende Professionalisierung der aktiv Kommunizierenden sowie durch die großartigen Möglichkeiten des Internets, Informationen direkt (ohne Gatekeeper) an relevante Zielgruppen und die Öffentlichkeit zu bringen – leider nur zum geringen Teil durch zunehmendes gesellschaftliches Bewusstsein der Wissenschaftler.
  • Wissenschaft ist eine gesellschaftliche Veranstaltung, die sich die Gesellschaft leistet, weil sie von ihr profitiert, nicht nur materiell (wirtschaftlich nutzbare Ergebnisse), sondern vor allem auch kulturell (z.B. neues Wissen, faktenbasierte Debattenkultur, Ausbildung der Vordenker, Entscheidungen in Unsicherheit usw).
  • Andererseits: Alles was Wissenschaft ausmacht, bekommt sie von der Gesellschaft (u.a. Finanzen, gut ausgebildeten Nachwuchs, Vertrauen, zahlreiche Privilegien, bis hin zur Freiheit der Forschung).
  • Diese Gesellschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren rasant verändert (und ist noch dabei), fordert (unabhängig von fachlicher oder politischer Kompetenz) mehr und mehr Transparenz, Partizipation, ja Mitentscheidung – gepaart mit immer stärker spürbarem Neidkomplex, Trend zur Egalisierung und Tendenz zur Skandalisierung.
  • In einer derartigen Gesellschaft kann Wissenschaft ihre Privilegien – die sie braucht, um auf hohem Niveau zu arbeiten – nur behaupten, wenn sie frühzeitig und engagiert kommuniziert, die Bedürfnisse der Gesellschaft wahrnimmt, ihre Rolle für einen demokratischen Staat darstellt und untermauert.
  • Eine leistungsfähige Wissenschaft in der Zukunft braucht heute eine wettbewerbsfähige (zu anderen gesellschaftlichen Bereichen) und bidirektionale Wissenschaftskommunikation (zuhören, reagieren, handeln, darstellen) – um die privilegierten Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu rechtfertigen, zu bewahren und gesellschaftspolitisch abzusichern.
  • Das Bewusstsein in der Wissenschaft zur gesellschaftspolitischen Bedeutung von Wissenschaftskommunikation ist ausgesprochen gering, wenn es nicht um direkte Vorteile (Einfluss, Fördermittel) geht. Dies ist das größte Problem der Wissenschaftskommunikation heute. Notwendig ist ein Umdenken. Der Generalsekretär der Volkswagenstitung Wilhelm Krull: „Wir brauchen einen Kulturwandel in der Wissenschaft“.

Felder für die Förderung (materiell und ideel):

  • Ausbildung für Wissenschaftskommunikatoren auf hoher akademischer Ebene (mit Promotion) und großer Praxisnähe. Spezifische Fortbildungsangebote.
  • Anerkennung von guter Wissenschaftskommunikation als wissenschaftlicher Leistung (auch und besonders für jüngere Wissenschaftler).
  • Förderung der Forschung über Wissenschaftskommunikation, vor allem über effektive Wege und Wirkungen.
  • Förderung des gesellschaftspolitischen Bewusstseins (und der Rolle der Kommunikation) in der Ausbildung von Wissenschaftlern.
  • Bewußtsein wecken bei Wissenschaftlern für die Bedeutung von Wissenschaftskommunikation für die Zukunft des Systems Wissenschaft. Also: Förderung des gesellschaftspolitischen Denkens bei den Wissenschaftlern.

3 Antworten auf „Krise – welche Krise? 19 Thesen zu Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus“

[…] Aber nicht weniger wichtig: Wissenschaft wird in allem, was sie hat und bewirken kann, von der Gesellschaft getragen, nicht nur durch die Finanzierung, sondern alle ihre Privilegien, der Nachwuchs kommt daher, auch ihre Freiheit wird ihr von der Gesellschaft gewährt, bis hin zum Vertrauen, das sie braucht, damit ihr Wissen akzeptiert wird. In dieser Gesellschaft aber gewinnen wissenschaftsferne, oft interessengesteuerte Gruppen – die man früher gut als „Spinner“ abtun konnte – immer mehr politische Bedeutung, etwa durch die Solidarisierung, die ihnen das Internet und Soziale Medien ermöglichen. Wenn Wissenschaft also sich das Vertrauen und die Privilegien in dieser Gesellschaft, die sie braucht um auf hohem Niveau arbeiten zu können, erhalten will, muss auch die Teile der Gesellschaft von der Bedeutung der Wissenschaft überzeugen versuchen, die heute noch mit Wissenschaft nichts am Hut haben. (Mehr dazu in den „19 Thesen zu Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation“.) […]

Mit den Thesen gehe ich überwiegend konform. Ich habe andere Positionen in diesen Punkten:
1 Die Krise des Wissenschaftsjournalismus sehe ich zentral in der Erosion/Pulverisierung seines journalistischen Kernbereichs (Kontrollfunktion!) des WissenschaftsPOLITIKJournalismus. Niemand schreibt über die Japan-Reise der Forschungsministerin, die anstehenden GWK-Entscheidungen, den nächsten DFG-Präsidenten. Dieser journalistische Kontrollbereich ist tot, Er kann aber wiederbelebt werden.
2 Es braucht neue Diskurshorizonte: 2a Der Journalismus muss seine Funktion in der (sich wandelnden) Gesellschaft neu definieren. Und das ist keine Nischendebatte der Wissenschaftsjournalisten unter sich, sondern da müssen die anderen Ressorts mit dabei sein: eine Generalsdebatte. 2b Die staatliche Seite muss übers „Stöckchen“ springen und ihre Abwehrhaltung gegenüber einer Medienförderung aufgeben. Wenn Journalismus eine Funktion für die Demokratie hat, dann müssen auch die Mittel bereit gestellt werden, dass er diese Funktion wahrnehmen kann. Das ist eine Grundsatzdebatte, die in anderen Ländern schon gelaufen ist (Schweiz, Schweden). Sie muss jetzt in Deutschland geführt werden. Das ist wirklich ein disruptiver Punkt. Er muss angepackt werden.
3 Die Wissenschaftskommunikation hat kein Konzept für die „Dritte Mission“. Entscheidend für den Erhalt der gesellschafttlichen Akzeptanz gegenüber der Wissenschaft wird die Partizipation der wissenschaftsinteressierten Bürgerschaft (das ist noch einfach) wie auch der bildungsfernen Schichten sein. Das verlangt völlig neue Ansätze, bei denen der Journalismus mit ins Spiel kommen kommen kann. Auch hier wäre Öffnung das Gebot der Stunde.
4 Die schon gemachten Vorschläge, etwa von WÖM-2 zur Internet-Plattform, sollten nicht negiert, sondern implementiert werden. Es ist ein Unding, wenn jeder Verbesserungsansatz bei Null anfangen will, statt stecken gebliebenen Vorschlägen der Vorrunde eine second chance zu geben. Auch eine Verschleuderung, Mißachtung von Wissen.

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