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Mein Fazit: Klärt endlich Euer Verhältnis zu Journalisten – #Wisskom-Journalismus

Seit Wochen tobt der Kampf der Argumente: Braucht Wissenschaft ein Bündnis mit den Journalisten? Gehören Wissenschaftsjournalisten zur Wissenschaft oder nicht? Wer setzt auf wen in Zeiten einer tiefgreifenden Medienkrise? Reiner Korbmann zieht sein Fazit aus der Diskussion in diesem Blog:

R.Korbmann, Blogger für Wissenschaftskommunikation
Reiner Korbmann, Blogger „Wissenschaft kommuniziert“, langjähriger Wissenschaftsjournalist und Wissenschaftskommunikator.

Mein Fazit: Klärt euer Verhältnis zu den Journalisten

Die „Siggener Impulse 2018“ gaben den Anstoß (herausgegeben vom „Siggener Kreis“ einer informellen und einflussreichen Gruppierung von Wissenschaftskommunikatoren). Dort wurde die Wissenschaftskommunikation zur Chefsache erklärt – und die Wissenschaftsjournalisten ungefragt ins System Wissenschaftskommunikation eingegliedert. Seitdem kamen hier im Blog „Wissenschaft kommuniziert“ in den letzten Wochen unter dem Hashtag #Wisskom-Journalisten Vertreter der unterschiedlichen Perspektiven zu Wort: Von Markus Pössel, Wissenschaftler, der am „Haus der Astronomie“ Öffentlichkeitsarbeit für sein Fachgebiet betreibt, über Josef König, als langjähriger Leiter der Pressestelle der Universität Bochum ein Urgestein der Hochschulkommunikation, und Jean Pütz, seinerseits Urgestein des TV-Wissenschaftsjournalismus, bis hin zu Heidi Blattmann, langjährige Wissenschaftsredakteurin der Neuen Züricher Zeitung (NZZ), dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Stephan Ruß-Mohl und Martin Schneider, Vorstandsvorsitzender der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK), der wichtigsten Vereinigung der Wissenschaftsjournalisten.

Ganz bewusst habe ich kein Mitglied des „Siggener Kreises“ zur Diskussion eingeladen. Es sollte ja nicht um eine Debatte pro oder kontra Siggen gehen. Es gab nichts zu verteidigen, zumal sich diese Gruppierung in den letzten Jahren große Verdienste um die Wissenschaftskommunikation erworben hat. Es ging darum, die Thesen ihres Papiers mit externen Ansichten zu konfrontieren um so die interne Diskussion auf Gut Siggen zu erweitern. Zumal dort – unweit der Insel Fehmarn – nur ein Journalist aus den Medien vertreten war, während große Sätze zum Wissenschaftsjournalismus beschlossen wurden (u.a. Bündnis der Journalisten mit der Wissenschaft, Wissenschaftsjournalisten als Teil der Wissenschaftskommunikation).

Mein Fazit der Diskussion: Wissenschaftskommunikatoren, klärt endlich euer Verhältnis zu den Journalisten.

Nicht nur zu Wissenschaftsjournalisten! Denn die meisten Wissenschaftsmeldungen gewinnen durch Nicht-Wissenschaftsjournalisten erst ihre große Tragweite, wie die Meldungen zu Plastikmüll im Menschen oder das Stickoxid-Papier der Lungenärzte in den letzten Monaten gezeigt haben. Und in den Redaktionen, wo sie sich mit ihren Themen durchsetzen müssen, gelten Wissenschaftsjournalisten zuerst einmal als Journalisten, auch wenn ihnen manchmal – wie Auto- oder Reisejournalisten – von den Kollegen eine zu große Nähe zu ihren Informanten nachgesagt wird (wie Martin Schneider schön beschreibt). Und in der Bedeutungshierarchie einer Redaktion sind Wissenschaftsjournalisten eher die kleineren Lichter, weshalb in der Medienkrise als erstes ihre Honorarbudgets und ihre Stellen abgebaut wurden. Und im Übrigen: Wissenschaftsjournalist ist keine geschützte Bezeichnung. Es braucht keine besondere Ausbildung oder einen Qualifikationsnachweis. Jeder kann sich selbst so nennen.

Wie soll das gehen?  – Ein Bündnis?

Doch kommen wir zu den Inhalten. Zwei wichtige Fragen blieben nach meiner Meinung in den Siggener Impulsen und in dieser Diskussion offen:

  1. Wie soll so ein Bündnis von Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaft funktionieren?
  2. Wem würde denn so ein Bündnis wirklich nützen – der Wissenschaft, dem Journalismus, der demokratischen Gesellschaft?

Wenn ich mir vorstelle, wie so ein Bündnis ganz praktisch funktionieren sollte, kommen mir verschiedene Szenarien in den Sinn, wie das Bündnis geschlossen, wie „strategisch abgestimmt“ reagiert werden soll, wie die Erwartungen der einen mit den anderen Seite abgeglichen werden sollen. Jedes Szenario endet in einer realitätsfernen Vorstellung, wie Journalisten und Wissenschaftskommunikatoren miteinander umgehen. Sollen WPK und die großen Forschungsorganisationen ein Grundlagenpapier zum Bündnis Wissenschaftskommunikation unterzeichnen? Und wie ist es mit den Journalisten und Wissenshaftlern, die diesen Organisationen nicht angehören oder nicht mitmachen wollen? Wie sollte so eine Bündniserklärung aussehen, von wem sollte sie erarbeitet werden? Sollen Wissenschaftsjournalisten verpflichtet sein, erst einmal bei Forschungsinstituten anzurufen, bevor sie etwa Nachrichten verbreiten? Sowohl Journalisten als auch Forscher sind auf eines stolz und verteidigen dies mit allen Mitteln: ihre persönliche Individualität. Ein Bündnis, ganz gleich welcher Art, wird niemals funktionieren.

Und wem würde es nützen? Der Wissenschaft? Gerade wenn man glaubt, sich in einer Glaubwürdigkeitskrise zu befinden (worüber man diskutieren kann), ist es von Nachteil, wenn diejenigen, die die eigene Glaubwürdigkeit stärken sollen, ausgerechnet Verbündete sind. Auch dies hat Martin Schneider anschaulich beschrieben, warum nur Zeugen von außerhalb glaubhaft das „Erklärmodell Wissenschaft“ stützen können.

Um „weiter in die Öffentlichkeit und insbesondere zu Entscheidern in Wissenschaft, Medien und Politik vorzudringen“, wie es in den Siggener Impulsen 2018 heißt. Ist diese Begründung aber nicht eher ein Armutszeugnis der Wissenschaftskommunikatoren? Sie schaffen es nicht selbst, mit all den neuen Medien der direkten Kommunikation, die das Internet geschaffen hat, mit all den Chancen der Zielgruppenselektion, die jetzt in den Händen der Kommunikatoren selbst liegen statt bei den Medien? Die Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation hat in den letzten Jahren viel erreicht, spielt aber ganz offensichtlich doch nicht auf dem Niveau, das die Kommunikation anderer gesellschaftlicher Bereiche schon erreicht hat, etwa der Wirtschaft oder der Politik. (Beispiel Stickoxid-Papier der Lungenärzte: War dies nicht eine geniale PR-Idee aus der Automobilindustrie oder des Pressesprechers eines Ministeriums?)

Essenziell: Wissenschaft muss anders kommunizieren

Das Entscheidende aber ist, dass Kommunikation in der Wissenschaft selbst endlich als ein wesentliches Element ihres gesellschaftlichen Auftrags erkannt wird. Sie ist Chefsache, wie es die Siggener Impulse richtig fordern. Angesichts der rasanten Veränderungen der letzten Jahre in der Gesellschaft muss Wissenschaft nicht nur besser, sondern vor allem anders kommunizieren: Es genügt nicht mehr, stolz die eigenen Verdienste – sprich Forschungsergebnisse – darzustellen, sie muss gesellschaftspolitisch argumentieren. Der „March for Science“ vor zwei Jahren war eine gute Gelegenheit, leider ist sie durch fehlendes Engagement verpasst worden. Wissenschaft muss darstellen, was sie für Demokratie und Kultur bedeutet: die Fakten, die sie liefert, die Debattenkultur, die Konsensfähigkeit trotz widerstreitender Meinungen, Entscheidungsfindung auf momentaner Wissensgrundlage, die Ausbildung und Faszination junger Menschen, das vorwärtsgewandte historische Bewusstsein und, und und…. Und sie muss lernen, das wahrzunehmen, was sich in der Gesellschaft tut.

Ein Bündnis wird das Niveau der Wissenschaftskommunikation und ihre Stellung in der Wissenschaft nicht fördern, eher im Gegenteil. Und nützt es den Journalisten? Auch hier zeigt die Diskussion: ganz und gar nicht. Im Gegenteil, es nagt an der Glaubwürdigkeit, innerhalb der Redaktionen wie gegenüber den Lesern/Zuschauern. Jeder Zweifel an der Unabhängigkeit der Journalisten schädigt eher die Rolle der herkömmlichen Medien, die sich in einer tiefen Strukturkrise befinden. Ursache dieser Krise ist weniger die Kritik von Populisten als vielmehr die Tatsache, dass ihnen die Zuschauer/Leser und vor allem die Werbekunden davonlaufen: Immer mehr Bürger beziehen ihre Informationen aus dem Internet, sei es aus den Sozialen Medien oder über Spezial-Plattformen und Kurznachrichtendienste. Da machen Entscheider in Wissenschaft, in Medien und Politik keine Ausnahme.

Die Krise des Wissenschaftsjournalismus ist Teil einer Medienkrise

Die Krise des Wissenschaftsjournalismus ist keine Krise des Wissenschaftsjournalismus, sondern Teil einer Medienkrise. Und die ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, denn die Demokratie – da hat Jean Pütz eindeutig recht – braucht den unabhängigen, kritischen Journalismus. Doch das Problem ist so groß, dass es die Wissenschaft unmöglich allein lösen kann. Da ist die gesamte Gesellschaft gefordert, denn es spielen Dinge mit hinein, bei denen es um wirtschaftliche Grundlagen geht, um Großkapital und internationale Verflechtungen und, und und… Wissenschaft kann immer wieder auf das Problem hinweisen, auf gesellschaftspolitische Lösungen, internationale Abkommen und ähnliches drängen – doch dazu muss sie lernen, gesellschaftspolitisch zu argumentieren.

Fakten sind wichtig, gerade für Entscheidungen in einer konsensfähigen demokratischen Gesellschaft. Es ist gut, wenn die Wissenschaft (nach langer Lehrzeit) in unabhängigem, kritischem Journalismus einen Partner erkennt, der die gleiche Überzeugung teilt und in der Gesellschaft vertritt. Das muss aber für jede Form des Journalismus gelten, nicht nur für Wissenschaftsjournalisten (die auch keine reine Weste haben, wenn man Fälle betrachtet wie den Plastikmüll im Menschen oder das Stickoxid-Papier – dessen offensichtliche Rechenfehler durch einen politischen Journalisten aufgedeckt wurden, nicht durch einen Wissenschaftsjournalisten). Wissenschaft und Journalisten eint das Streben nach Wahrhaftigkeit, wie es Alexander Mäder beschrieben hat.

Es gilt die Hajo-Friedrichs-Maxime: „Macht Euch nicht gemein!“

Glaubwürdigkeit erfordert aber mehr. Sowohl von Wissenschaftlern als auch Journalisten erfordert es, das zu gut tun, was nach dem jeweiligen (unterschiedlichen) Ethos ihre gesellschaftliche Aufgabe ist: Faktenbasiertes, relevantes Wissen zu schaffen auf Seite der Wissenschaft, Vorgänge und Fakten unabhängig und kritisch zu recherchieren, sie einzuordnen und für ihre Leser/Zuschauer darzustellen auf Seite der Journalisten. Dabei gilt für die Glaubwürdigkeit der Journalisten die Maxime, die der Fernseh-Moderator Hajo Friedrichs mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht hat: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Ein Bündnis, wie immer es gestaltet wäre, schadet da nur. Es geht ja nicht nur um die Leser/Zuschauer von herkömmlichen Medien, die immer weniger werden. Es geht vor allem auch um die vielen Informationsmöglichkeiten im Internet, die schon heute und verstärkt in absehbarer Zukunft die Mehrheit der Bürger informieren werden. Hier müssen sich Journalisten wie Wissenschaftskommunikatoren Glaubwürdigkeit erarbeiten. Eine schwere Aufgabe, bei der nur hilft, was Glaubwürdigkeit fördert.

Liebe Siggener: Anstatt in einer unrealistischen Sehnsucht nach Bündnissen zu schwelgen, die eher schaden. Anstatt auf unklare und widersprüchliche Definitionen Eures Arbeitsfeldes zu setzen, und ungefragt andere Berufsgruppen zu vereinnahmen, die ganz anderen Systemen, Wertvorstellungen und Regeln folgen als die Wissenschaft (gut dargestellt, aus unterschiedlichen Perspektiven, in den Diskussionsbeiträgen von Heidi Blattmann und Josef König): Journalisten sind Eure Ansprechpartner, wichtige Kunden Eurer Arbeit, aber nicht Teil davon. Verbündete dürfen sie nicht sein. Es wäre schade um diesen wichtigen Berufsstand.

1 Anwort auf „Mein Fazit: Klärt endlich Euer Verhältnis zu Journalisten – #Wisskom-Journalismus“

Ich sehe das ähnlich. Die Gruppe der Adressaten von (Wissenschafts-)Journalismus ist heterogener als früher. Das Spektrum reicht von den „Wissenschaftsgläubigen“ bis hin zu den Verschwörungstheoretikern. Erstere bedürfen keiner besonderen Umwerbung, letztere erreicht man vielleicht ohnehin nicht mehr. Aber dazwischen gibt es eine Gruppe, die rational und wissenschaftsorientiert denkt, aber kritisch ist. Beispielsweise sieht bzw. vermutet diese Gruppe Einflussnahme von Interessengruppen auf die Wissenschaft oder fürchtet ideologische Verhärtungen in den Lehrstühlen. Als zwei ganz unterschiedliche Beispiele seien der „Abschied von Popper“ einiger Kosmologen oder die Gendertheorie genannt.
Um diese Gruppe lohnt es sich zu werben. Aber man wird sie in der Tat durch „Bündnisse“ jedweder Art eher abschrecken. Hier helfen m. E. nur das Eingehen auf ernstzunehmende Fragen und gute Argumente.

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