Kategorien
Uncategorized

Der Krisen-Anker

Ein Virologe als Glückstreffer der Wissenschaftskommunikation

Der Hoffnungsschimmer in der Corona-Krise, die alle erschüttert: Ein Wissenschaftler, der Virologe Prof. Christian Drosten. Ein Glücksfall für die Wissenschaftskommunikation. (Foto:NDR)
Blogautor Wissenschaft kommuniziert

Es sind turbulente Zeiten. Das Coronavirus schüttelt alle Lebensbereiche durcheinander, bringt sogar unser Gesellschaftssystem an seine Belastungsgrenzen: Politiker eilen von Entscheidung zu Entscheidung, die Aktienkurse stürzen in den Keller, Arztpraxen und Krankenhäuser laufen unter Notfallszenarien, sich widersprechende Gerüchte jagen durch das Internet, die Medien überstürzen sich mit Horrorschlagzeilen, tausende Sendestunden widmen sich nur einem einzigen Thema – und jeder Einzelne sucht verzweifelt Schutz für seine Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Lieben. Es sind unsichere Zeiten, niemand weiß, wie es weiter geht, wie er sich verhalten soll, was er ohne Risiko tun darf und kann.

Es wäre das totale Chaos. Wäre da nicht ein Mensch, an den man sich halten kann: Ein fester Anker in der hoch schlagenden Flut der Informationen, jemand der Vieles weiß, der Zusammenhänge versteht, der gelassen Rat gibt und sein Wissen so teilt, dass man damit etwas anfangen kann. Wäre da nicht ein Wissenschaftler: Der Virologe Prof. Christian Drosten. Er wurde zum Gesicht dieser dramatischen Krise – im positiven Sinn. Er ist der Hoffnungsschimmer, dass jemand Bescheid weiß und andererseits genauso von der Geschwindigkeit und der Dramatik der Entwicklung erschüttert ist, wie man selbst.

Prof. Christian Drosten ist in seiner Disziplin ein bekannter und renommierter Wissenschaftler. Er ist Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Universitätsklinik Charité. Vor 17 Jahren gehörte er zu den Mitentdeckern des SARS-Virus, entwickelte zusammen mit Stephan Günter sogar als erster einen Test dafür. Das ermöglichte ihm auch, bereits Mitte Januar dieses Jahres einen Test für das erst Ende Dezember entdeckte neue Coronavirus SARS-CoV-2 zu entwickeln, der angesichts der Pandemie mittlerweile im breiten Einsatz ist. Im Licht der Öffentlichkeit dagegen stand er selten, vor allem seit sich die Aufregung um SARS vor 17 Jahren gelegt hatte.

Von Null auf Hundert in wenigen Tagen: Die Suchanfragen bei Google zeigen, wie groß das Interesse daran ist, was Christian Drosten zu sagen hat.

Doch jetzt wurde der 47-jährige Mediziner innerhalb von wenigen Tagen zum singulären Medienstar. Überall wird berichtet, was er sagt, aber auch über den Virologen als Menschen, der plötzlich „einer der einflussreichsten Männer der Republik“ (Frankfurter Rundschau) wurde, der Stern erklärt ihn zum „wichtigsten Mann Deutschlands“, die Süddeutsche sieht in ihm „den Corona-Aufklärer der Nation“, der Spiegel erwartet schon, dass nach Drostens Vorbild Virologe künftig zum Traumberuf der Kinder wird. Praktisch jeder kennt ihn von Bildern in der Zeitung oder von seinen Auftritten in TV-Talkshows (allein bei Maybrit Illner war er in sechs Wochen drei Mal zu Gast). Er ist immer ernst und uneitel, mit Wuschel-Frisur und zerfurchtem Gesicht zu sehen, lächelt selten einmal und spricht nicht wie ein Professor vom Katheder, sondern wie ein Nachbar, der Bescheid weiß, auch selbst nachdenken muss und zugibt, wenn er etwas nicht weiß, ist dabei aktuell und umfassend informiert und – vielleicht das Überzeugenste an seinen Einlassungen – obwohl spezialisierter Fachwissenschaftler, sieht er nie die Viren alleine, sondern immer das ganze System – angefangen davon, was die Erreger im Menschen anrichten, bis hin zur Sinnhaftigkeit oder auch der Durchsetzbarkeit politischer Maßnahmen gegen die Pandemie. Das tut er so gut, dass der Spiegel schon befürchtet, die Virologen könnten sich als Nebenregierung etablieren.

Höhepunkt – ein täglicher Podcast

Tägliches Update: Die NDR-Redakteurinnen Martini (l.) und Henning interviewen täglich Drosten im Podcast. (Fotos: NDR)

Ein – leider – weniger beachteter Höhepunkt seiner unermüdlichen Aktivitäten im Kampf gegen das Corona-Virus ist das„Corona-Virus-Update“, ein tägliches, halbstündiges Interview mit den beiden NDR-Redakteurinnen Korinna Hennig und Anja Martini, in dem grundlegende und aktuelle Themen zur Pandemie im Mittelpunkt stehen. Sie zeugen von einer solchen Präsenz des Wissenschaftlers, von seiner umfassenden Sicht der Pandemie, dass man den Verantwortlichen der Sendeanstalt eigentlich zum Vorwurf machen muss, das Format als Audio-Podcast eher unter Wert zu verkaufen. Videogespräche – mit Skype und  Whatsapp gut zu realisieren – würden sicher per Youtube viel weitere Kreise erreichen (jetzt beginnt der NDR wenigstens, die Audio-Interviews mit Standbildern der Gesprächspartner zu unterlegen, alle Podcasts sind – als Audio – in einem Youtube-Channel abzurufen).

Es ist nicht so, das nicht auch andere Wissenschaftler in diesen Zeiten hervorragend kommunizieren. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Prof. Lothar Wieler macht etwa bei seinen werktäglichen Pressekonferenzen und anderen Terminen eine ausgezeichnete Figur. Er verkündet die täglich steigenden Infektionszahlen, gibt Hintergründe, relativiert Falschmeldungen, ist der oberste Experte der Republik – die Nähe zu den Fragen und Empfindungen der Menschen draußen erreicht er aber nicht so, wie sein Kollege aus der Charité.

Man fragt sich, wie für Christian Drosten ein 24-Stunden-Tag ausreicht – auch da er sich ständig tagesaktuell über neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Covid-19 auf dem Laufenden hält. Denn neben den großen Auftritten gibt der Virologe ständig zusätzliche Interviews für zahlreiche Printmedien, Hörfunk und Fernsehen und twittert wichtige Nachrichten aus der Forschung. Und nicht nur das, er berät in diesen hektischen Zeiten auch die Bundesregierung und den Berliner Senat zur Corona-Pandemie, begleitet den Gesundheitsminister in die Bundespressekonferenz, selbst die Bundeskanzlerin zitiert ihn in Pressestatements. Und er findet auch noch die Zeit, in Hörfunk-Kindernachrichten den Kleinen auf ihre Fragen kindgerecht und mit viel Empathie zu antworten, ihnen Angst zu nehmen in der allgemeinen Aufregung. Seine Familie wird derzeit wohl wenig von ihm haben.

Warum beschreibe ich das hier in diesem Blog zur Wissenschaftskommunikation, was schon in zahlreichen Medien voller Bewunderung über ihn geschrieben wurde? Weil ich begeistert bin davon, was dieser Mann in dieser Krisensituation leistet? Ja auch.

Ein Wissenschaftler taucht in die Probleme der Gesellschaft ein

Begeistert bin ich aber vor allem, weil Prof. Christian Drosten in seiner Person und mit seinen Aktivitäten ein einmaliger Glückstreffer für die Wissenschaftskommunikation ist. In Zeiten, in denen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft eindeutig in einer Krise steckt, zeigt er allen, welche Bedeutung Wissenschaft für die Gesellschaft hat. Er überzeugt jeden, von Politikern, die seinen Empfehlungen folgen, bis zu den Menschen vor den Fernsehschirmen, die sich betroffen zeigen von seinen Argumenten wie von seinen Prognosen, die er ohne Alarmismus und mit selbstsicherer Ruhe darstellt, gut begründet mit Fakten und einem enormen Gespür für die gesellschaftliche Wirklichkeit. Er ist ein Modellbeispiel dafür, welche Position Wissenschaftler gegenüber der Gesellschaft beziehen müssen, wenn sie auch in Zukunft die notwendigen Privilegien der Forschung und damit Wissenschaft auf hohem Niveau erhalten wollen: Sich in die Gesellschaft hineinbegeben, ihre Probleme ernst nehmen und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Empfehlungen geben. Aber auch sagen, was man nicht weiß. Wissenschaftler sind Experten in ihrem Fachgebiet, sie sind aber auch Menschen, kluge sogar, und sie sind Mitglieder dieser Gesellschaft, die es zu retten oder voranzubringen gilt. (Natürlich gibt es dann auch Gegenwind, etwa die Befürchtung, dass Wissenschaftlern den Politikern das Heft aus der Hand nehmen, wie sie der Spiegel äußert:“Plötzlich regieren uns Virologen„. Das muss man aushalten, denn die gesellschaftliche Debatte lebt vom Kampf der Interessen und Macht – und der wird auch gleich auf die Wissenschaft übertragen.)

Wissenschaft ist Dienstleistung
an der Gesellschaft

Das große Lob für Christian Drosten macht aber auch deutlich, welche Hausaufgaben die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation noch zu leisten haben. Es genügt eben nicht, in wissenschaftlichen Zirkeln zusammen zu sitzen und sehr gescheite Papiere zu erstellen und sie auszusenden (ich will da die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie oder die Nationale Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“ mit ihren Papieren gar nicht ausnehmen). Notwendig ist vor allem anderen, sich der eigenen Rolle in der Gesellschaft bewusst zu werden, als Mitglied, als Mensch, als Wissenschaftler, als Organisation oder Institution. Und da gilt vor allem Eines: Wissenschaft ist Dienstleistung an der Gesellschaft.

Selten zuvor stand Wissenschaft – durch einen brillanten Wissenschaftler –  so sehr im Mittelpunkt, war ein fester Anker gesellschaftlicher Debatten, gesellschaftlichen Handelns und der Überlegungen von unzähligen Bürgern. Das ist eine einmalige Chance für die Wissenschaftskommunikation, die es gilt, in beiden Richtungen – Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft einerseits und gesellschaftlichen Öffnung der Wissenschaft andererseits – zu nutzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.