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Ein neues Standardwerk der Wissenschaftskommunikation – Forschung pur in „Science Communication“

Blogautor Wissenschaft kommuniziertEs ist eigentümlich: Gerade Handbücher haben oft die unangenehme Eigenschaft, dass sie ausgesprochen unhandlich sind. Da macht auch das neue Handbuch „Science Communication“* aus der Reihe „Handbooks of Communication Science“ des de Gruyter-Verlags keine Ausnahme: Über 700 Seiten, Aufsätze von 40 Autoren, ein schwerer Band, der auch ohne Stütze im Bücherschrank stehen bleibt. Das gewaltige Volumen aber wäre schon das augenfälligste Negative, was sich über dieses neue Standardwerk zur Wissenschaftskommunikation und zur Wissenschaftskommunikationsforschung sagen lässt – wenn es denn negativ wäre.

Denn kaum jemals vorher gab es einen derart umfassenden Überblick (in englischer Sprache) über den Stand der Forschung zur Wissenschaftskommunikation, jedenfalls aus europäischer Perspektive (im Gegensatz zum zwei Jahre vorher erschienenen „The Oxford Handbook of the Science of Science Communication“). Amerikanische Autoren werden zwar reichlich zitiert, sind aber lediglich mit einem Kapitel vertreten (zum Wissenschaftsjournalismus – erstaunlich, da sich doch die Gegebenheiten auf beiden Kontinenten gerade hier deutlich unterscheiden). Auch Großbritannien, lange Jahre europäisches Vorbild bei der Wissenschaftskommunikation, ist lediglich mit zwei Autoren dabei. Doch die Beiträge der anderen Autoren wiegen Vieles wieder auf.

Zunächst beachtlich, die Breite mit der das Thema Wissenschaftskommunikation behandelt wird: Da geht es um das Schreiben von Förderanträgen ebenso wie um die interne Kommunikation der Fachdisziplinen, um Wissenschaftsjournalismus ebenso wie um die Wissenschafts-PR, um Büchereien als Weg der wissenschaftlichen Kommunikation ebenso wie um die Veränderungen durch das digitale Zeitalter – auch in der Kommunikation „Lehre“.

Die drei Herausgeber des Handbuchs „Science Communication“: (v.l.) A. Leßmöllmann, M. Dascal, T.Gloning.

Bis es so weit war, ging dem neuen Handbuch eine zehnjährige, tragische Geschichte voraus. Der brasilianisch-israelische Philosoph Marcelo Dascal wurde 2010 von den Herausgebern der Handbuchreihe „Communication Science“ gebeten, einen Band zur Wissenschaftskommunikationsforschung zu erarbeiten. Doch drei Jahre später hatte er einen schweren Unfall, der ihn hinderte, daran weiterzumachen. Die Hoffnung trog, dass sich sein Gesundheitszustand bessern würde. So übernahmen 2017 der Giessener Linguist Thomas Gloning und die Karlsruher Wissenschaftskommunikations-Professorin Anette Leßmöllmann diese Aufgabe. Dascal verstarb im Frühjahr 2019, in den letzten Tagen des gleichen Jahres erschien das von ihm begonnene Werk.

Blicken wir kurz in den Inhalt: Ausgehend von der Rolle und der Organisation der Kommunikation innerhalb der Wissenschaft, durch die Wissenschaft erst zu Wissenschaft wird, befassen sich die Aufsätze im weiteren Verlauf mit dieser internen Kommunikation, mit Text-Typen, Medien, der visuellen Präsentation, der gesprochenen und der geschriebenen Sprache etc. Erst danach öffnet sich das Bild zur Kommunikation der Wissenschaft und der Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit. Das reicht von der Sprache der Popularisierung bis zur Bedeutung eines unabhängigen und kritischen Wissenschaftsjournalismus für die Wissenschaft, zur wachsenden Rolle der Wissenschafts-PR, normalerweise speziell als Wissenschaftskommunikation bezeichnet, und führt schließlich zu neueren Formen der Wissenschaftskommunikation, von Webvideos bis Science Slams. Das Handbuch endet schließlich mit zwei umfangreichen Kapiteln zur Geschichte der Wissenschaftskommunikation, auch der internen, und zu den sich abzeichnenden kommenden Entwicklungen.

Viele der Beiträge sind sehr abstrakt, teils dem Thema angemessen, teils aber auch unverständlich, etwa wenn der Beitrag zur visuellen Präsentation der Wissenschaft lediglich eine Texttabelle als Illustration enthält. Viele Autoren bleiben sehr speziell auf ihr eng umschränktes Forschungsgebiet konzentriert. Andere dagegen bieten fundierte, breite Übersichten, die Hintergrund zu den aktuellen Entwicklungen geben und neue Ideen anregen. Besonders lesenswert etwa sind die Beiträge des Züricher Kommunikationsforschers Prof. Mike Schäfer über die historische Entwicklung von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftskommunikationsforschung oder der Passauer Wissenschaftskommunikations-Lehrstuhlinhaberin Prof. Hannah Schmid-Petri, die mit dem herkömmlichen „Sender-Empfänger“-Modell der Wissenschaftskommunikation aufräumt und komplexere, vernetzte Kommunikationsmodelle skizziert.

Insgesamt ist dieses neue Handbuch „Science Communication“ ein Ausrufezeichen: Europäische Wissenschaftskommunikationsforschung existiert: Fundiert, mit breitemAnsatz, mit vielen hochklassigen Forschungsergebnissen! Das Werk gibt zugleich ein ehrliches Bild – mit allen Höhepunkten, aber auch Defiziten. Da fallen zwei Dinge besonders auf: Die starke Abhängigkeit von der US-amerikanischen Wissenschaftskommunikationsforschung (daher die vielen Zitate). Und der fehlende Blick auf die andere Seite der externen Kommunikation: die Gesellschaft. Wichtige Themen – wie Zielgruppen, Verhalten verschiedener gesellschaftlicher Akteure gegenüber Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation oder die (für die Kommunikation äußerst relevanten) Veränderungen in der Gesellschaft – fehlen völlig. Sie werden in diesem Buch vielleicht ab und an einmal am Rande angesprochen, Schwerpunkte der Forschung in Europa sind sie eher selten oder gar nicht.

Das aber ist die Krux, weshalb die europäische „Science of Science Communication“ meist so weit von der Praxis entfernt bleibt. Denn ohne konzentrierten Blick auf die Empfänger (um noch einmal das alte, lineare Modell nach Schmid-Petri zu zitieren) kann Praxis nicht erfolgreich sein. Auch deshalb, mit Verlaub, ist das neue Förderprogramm der VollkswagenStiftung  für die Wissenschaftskommunikation „Wissenschaftskommunikation hoch drei“ so wertvoll, weil es ausdrücklich wissenschaftsexterne Partner mit einbezieht.

*) Science Communication (Handbooks of Communication Science [HoCS] Book 17) (English Edition)
von Annette Leßmöllmann (Herausgeber), Marcelo Dascal (Herausgeber), Thomas Gloning (Herausgeber),
2020, De Gruyter Mouton, 720 Seiten, ISBN978-3-11-025552-2, auch als E-Book ISBN 978-3-11-039321-7/ ISBN 978-3-11-025552-2.

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