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Euro-Millionen für die Wissenschaftskommunikation – VolkswagenStiftung startet kluges Förderprogramm

„Zentren für Wissenschaftskommunikationsforschung“ sollen in Deutschland entstehen: Dafür stellt die VolkswagenStiftung Millionen bereit. (Foto: G. Deusers/pixabay)

Blogautor Wissenschaft kommuniziertDer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dietram Scheufele nannte es „das große Paradox der Wissenschaftskommunikation“, die Tatsache nämlich, dass Forscher in ihrer Arbeit vor allem auf Daten und Fakten vertrauen, in der Wissenschaftskommunikation aber sich vor allem auf ihre Intuition, ihr Bauchgefühl verlassen. So Scheufele beim ersten „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC . Doch um ehrlich zu sein, das mag in den USA so sein, wo der deutschstämmige Forscher arbeitet, in Deutschland dagegen würden kommunikationswillige Wissenschaftler so viel Praxisverwertbares gar nicht finden. Wer einmal bei der Jahrestagung der Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der „DGPuK“, der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft“ zuhörte, wartete meist vergebens auf praxisnahe Ergebnisse der deutschen Kommunikationsforschung, es sei denn, Forscher aus anderen Disziplinen trugen dazu bei. Ganz anders als in den USA oder selbst der Schweiz.

Prof. Dietram Scheufele, Life Science Communication in Wisconsin-Madison, beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“: „Das große Paradox der Wissenschaftskommunikation“-

Damit, so eine große Hoffnung, könnte bald Schluss sein. Die VolkswagenStiftung, größter privater Forschungsförderer im Lande, hat jetzt ein millionenschweres Förderprogramm für die Wissenschaftskommunikationsforschung ausgeschrieben, vielleicht besser bekannt unter dem englischen Wortspiel „Science of Science Communication“. Es sollen in Deutschland „Zentren für Wissenschaftskommunikationsforschung“ entstehen, mit unmittelbarem Bezug zur Praxis. Das Ziel: Einerseits die deutsche Kommunikationsforschung in puncto Wissenschaftskommunikation auf ein international vergleichbares Niveau zu bringen und zugleich das Thema Kommunikation stärker in die Wissenschaft hineinzutragen. Eine Überraschung: Die institutionseigenen Pressestellen bleiben außen vor. Doch davon gleich mehr.

Mit der Förderinitiative sollen nach Absicht der VolkswagenStiftung interdisziplinäre Zentren für Wissenschaftskommunikationsforschung mit engem Praxisbezug entstehen, angebunden an etablierte Forschungseinrichtungen. Dafür stellt die Stiftung in den nächsten fünf Jahren bis zu vier Milllionen Euro bereit, gegebenenfalls mit einer Anschlussförderung über drei Jahre von bis zu zwei Millionen. Das soll nur eine Starthilfe sein, denn Ziel ist es, diese Zentren dauerhaft einzurichten.

Wissenschaftskommunikation hoch drei

Blickt man auf die Details des Förderprogramms, so merkt man schnell, dass sich hier jemand gründliche Gedanken gemacht hat, wie die Ziele (Verankerung in der Wissenschaft und Praxisnähe) mit diesem Programm verwirklicht werden können: Drei Partner sollen ein Zentrum bilden und mit einem gemeinsamen Projekt starten – Kommunikationsforscher, Fachwissenschaftler und außerakademische Experten aus der Praxis. Daher auch der etwas gedrechselte Namen des Projekts „Wissenschaftskommunikation hoch drei“. Unter den – für die Forschungsförderung ausgesprochenen ungewöhnlichen  – externen Experten versteht die Stiftung ausdrücklich „nicht an Universitäten und Forschungseinrichtungen angestellte“, also etwa Journalisten oder Mitarbeiter von Museen, aber auch Bürgerintiativen (NGOs) oder Agenturen. Die institutseigenen PR-Abteilungen dürfen gern mitmachen, können aber keine Partner sein – schon um zu vermeiden, dass das Nachdenken über die praktische Kommunikationsarbeit, nach dem Motto „macht mal“, routinemäßig an die hauseigenen Profis ausgelagert wird (wie man aus der Stiftung hört). Ausdrücklich erwünscht ist es auch, wenn zum Aufbau der Zentren ausländische Kommunikationsforscher nach Deutschland geholt oder enge Kooperationen mit ihnen eingegangen werden.

Aufgabe der drei so unterschiedlichen Partner in den Zentren ist es laut Stiftung „im Zusammenspiel quantitative und qualitative Untersuchungen zu aktuellen und zukünftigen Fragen der Wissenschaftskommunikation zu entwickeln und umzusetzen“. Dazu müssen sie bereits zum Start ein Vorhaben skizzieren, bei dem die Partner zu einem bestimmten wissenschaftlichen Thema Wissenschaftskommunikation betreiben und erforschen wollen.

Ein Thema für die gesellschaftliche Auseinandersetzung

Und es soll von vornherein ein Thema sein, das „einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung bedarf“. Also nichts mit eitler Verkündigung von schönen Forschungsergebnissen, sondern Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und zusätzlich sagt die Stiftung auch gleich noch, dass man bitte keine Anträge zur Kommunikation um Klimawandel oder Gentechnik stellen sollte, sondern „Themen zu adressieren, die derzeit nur wenig Aufmerksamkeit in öffentlichen Debatten erfahren“, aber große gesellschaftliche Relevanz haben.

Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der Volkswagenstiftung: „Wir wollen Zentren mit internationaler Strahlkraft.“ (Foto: P.Bartz/VolkswagenStiftung)

Bei allen hohen Anforderungen an die Antragstellung gewährt die Stiftung in der Ausgestaltung der Zentren und in der Entwicklung der Forschungsvorhaben sehr viel Flexibilität. So darf sich das fachwissenschaftliche Thema weiterentwickeln, Fachwissenschaftler, Praxispartner und andere Stakeholder können auch nur für kürzere Zeit einbezogen werden. Ganz generell betrachtet die Stiftung die neuen Zentren als Experimentierfeld für neue Ideen der Wissenschaftskommunikation und der „Science of Science Communication“. Der Generalsekretär der VolkswagenStiftung, Dr. Georg Schütte: „Die Zentren, die die VolkswagenStiftung nun auf den Weg bringt, werden hoffentlich vieles sein: Thinktanks, Werkstätten, Labore, aber auch Inkubatoren mit internationaler Strahlkraft für Nachwuchs im Feld der Wissenschaftskommunikationsforschung.“

Kommunikation in die Fachwissenschaft hinein tragen

Insgesamt ein sehr sorgfältig durchdachtes Förderungsprojekt. Ich denke, der Stiftung ist mit „Wissenschaftskommunikationsforschung hoch drei“ ein vielversprechender Ansatz gelungen, nicht nur das Niveau der deutschen „Science of Science Communication“ deutlich zu steigern, sondern sie vor allem auch gezielt auf Praxis- und auf Gesellschaftsnähe auszurichten. Die neu entstehenden Zentren haben heute schon die Chance, zu Kristallisationspunkten der künftigen Wissenschaftskommunikation zu werden, in Ausbildung, Forschung und als Schnittstelle zur Gesellschaft. NGOs etwa sind schon heute eine in der Praxis und der Forschung zur Wissenschaftskommunikation absolut unterschätzte Größe. Sie mit einzubeziehen bedeutet einen Paradigmenwechsel.

Vor allem aber begeistert mich an dem Förderprogramm der VolkswagenStiftung regelrecht, dass es – neben der Betonung des Werts externer Partner – die Wissenschaftskommunikationsforschung und die Fachwissenschaft miteinander verquickt, sozusagen die Kommunikation in die Fachwissenschaft hineinträgt (wo sie oft genug noch immer als etwas empfunden wird, was man nebenher erledigen kann – und auch nur möchte). Warum müssen wir immer mit Untersuchungen aus den USA gegen das (noch immer überall kursierende) Defizit-Modell argumentieren? Warum finden wir dort und nicht hier überzeugende Studien zu den Hintergründen von Wissenschaftsskepsis? Warum brauchen wir die Schweiz, um uns über das Verhalten der wichtigen Zielgruppen der Wissenschaftskommunikation zu informieren? „Wissenschaftskommunikationsforschung hoch drei“ könnte dazu beitragen, um Scheufeles „Paradox der Wissenschaftskommunikation“ auch in Deutschland ein Stück weit aufzulösen.

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