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Wissenschaft und Kommunikation

„Wir brauchen mehr interne Kommunikation“ – Prof. Reinhard Hüttl fordert eine Selbstbesinnung der Wissenschaft

Eines wird in den letzten Jahren immer deutlicher: Die sich stark verändernde Wissenschaft muss ein neues Verhältnis zur sich rasant wandelnden Gesellschaft finden, die sie wiederum trägt.Wenn Politiker sich ihre eigene Wahrheit schnitzen, wenn Forschung unweigerlich nach gesellschaftlichen Veränderungen verlangt, wenn seriöse Forschungsergebnisse von mächtigen Politikern als „Untergangsprophetie“ abgetan werden (wie US-Präsident Trump jüngst in Davos), muss jeder Wissenschaftler nachdenken, wie er selbst, aber auch die ganze Scientific Community damit umgehen. Der Vizepräsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und Initiator der Akademien-Studie „WÖM-Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien“, Prof. Reinhard Hüttl, fordert in diesem Zusammenhang mehr interne Kommunikation innerhalb der Wissenschaft. Im Gespräch mit „Wissenschaft kommuniziert“ erläutert er, weshalb dies notwendig ist.

Prof. Reinhard Hüttl, Vizepräsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, fordert mehr interne Kommunikation in der Wissenschaft über ihre Rolle in der Gesellschaft. (Foto: David Ausserhofer)

Wissenschaft kommuniziert: Herr Professor Hüttl, Sie haben vor kurzem gefordert, Wissenschaft bräuchte mehr interne Kommunikation. Was meinen Sie damit?

Prof. Hüttl: Ich gehe vom Standpunkt einer Forschungseinrichtung wie ich sie leite aus, ein Helmholtz-Zentrum. Wir arbeiten an wissenschaftlichen Beiträgen zu großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn man sich etwa Erdbeben anschaut, dann geht das sehr stark in die Grundlagenforschung, weil wir viele Zusammenhänge nicht verstehen, die man aber wissen muss, um vielleicht irgendwann einmal eine wirkliche Prognose machen zu können.

Wenn man solche Themen bearbeitet, dann erwartet die Gesellschaft, dass die Wissenschaftler sich zum Stand des Wissens äußern. Diese Forderung wird immer größer. Daher brauchen wir auch eine Kommunikation nach innen. Wir müssen wahrnehmen, dass es diese Anforderung an uns gibt, um diesen – eigentlich im Grundkonzept der Wissenschaft nicht vorgesehenen – Aspekt zu realisieren. Wissenschaftler werden ja ausgewählt nach Gesichtspunkten wie Publikationen, Drittmittel, Doktoranden und ähnliches.

Heute kommt aber als weiteres Thema die Kommunikation nach außen hinzu. Dafür muss man Bewusstsein schaffen und sich auch überlegen, was die Kolleginnen und Kollegen motiviert, diese zusätzliche Aufgabe anzunehmen. Da sind wir derzeit noch nicht sehr weit. Zum Beispiel damit, dass Kommunikation auch zur wissenschaftlichen Reputation beiträgt, wodurch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler motiviert werden könnten. Es geht also zum einen um das Hineintragen von Anforderungen aus der Gesellschaft und zum anderen um interne Kommunikation im Sinne von Ermutigung zur Kommunikation nach außen.

Nun besteht Wissenschaft nicht nur aus einer Institution die relativ klar gegliedert ist, sondern aus vielen, vielen Institutionen, die eigentlich insgesamt gar keine Gliederung haben. Interne Kommunikation der Wissenschaft heißt doch auch, dass die Wissenschaftler der verschiedensten Institutionen miteinander kommunizieren sollen. Über welche Themen?

Das ist ein Ansatz, der uns Anfang der 2000er Jahre bewogen hat, über die Gründung einer Nationalen Akademie der Wissenschaften nachzudenken. Denn es ist notwendig, Stimmen und Fachkompetenzen zusammenzufassen, um dann eine auf Konsens oder – mit verschiedenen Optionen – eine evidenzbasierte wissenschaftliche Meinung nach Außen zu tragen.

Wissenschaftsakademien gab es in Deutschland regional, aber nicht auf nationaler Ebene. Dabei ist neben der Politikberatung auch die Gesellschaftsberatung relevant. Auch dafür ist die Kommunikation nach innen notwendig, denn man muss bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erst einmal die Bereitschaft schaffen, dabei mitzumachen. Das erfordert aber auch eine kommunikative Kompetenz. Denn es sind nicht alle Forschenden in der Lage, ihre Inhalte so zu erklären oder Kompromisse zu suchen und die Linien zu vertreten, die zu einer Politikberatung führen. Das ist ein Prozess. Aber es zeigt sich, dass Kommunikation nach innen – also ein interner Disput, warum machen wir Forschung, wie machen wir sie, was motiviert uns – stärker auch Teil der wissenschaftlichen Entwicklung wird.

Unter interner Kommunikation in der Wissenschaft versteht man normalerweise den Austausch von Ergebnissen und ihre fachliche Diskussion. Genügt das heute noch?

Das genügt nicht. Der Austausch von Ergebnissen ist wichtig, ganz sicher, gerade auch im Sinn einer noch stärkeren Interdisziplinarität. Aber das reicht nicht aus. Das Interesse an wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht heute nicht mehr nur im internen Kreis, sondern kommt sehr stark von Außen. Da gibt es strukturelle Lösungen, etwa im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, mit Pressestellen. Aber auch die Wissenschaftlerin/der Wissenschaftler selbst ist gefordert.

Die Anforderungen aus der Gesellschaft haben zwei Elemente: Einmal eine unmittelbare Nachfrage nach dem Stand des Wissens: Wie sind die Zusammenhänge, wie können wir uns das erklären. Aber das ist ja nur die eine Seite. Daneben kommen in diesen Diskussionen auch Forderungen, etwa nach Mitwirkung. Es wird erwartet, dass die Gesellschaft, zumindest bei bestimmten Themen, auch unmittelbar ihre Fragen mit einbringen kann, und dass dies ein Teil des Arbeitsprozesses der Wissenschaft wird.

Da gibt es, wenn man so will, einen gewissen Konflikt mit der Freiheit der Forschung. Auf der anderen Seite aber ist dies ein wichtiges Element, denn am Ende wird die Forschung ja durch die Gesellschaft finanziert. Es geht um die unmittelbare Mitwirkung bei der Themenfindung, in einigen Bereichen unter Umständen auch um die Mitarbeit. Die Menschen, die sich da einbringen, wollen dann aber auch verstehen, wie die Daten verarbeitet werden und was dabei herauskommt. Es findet ein Dialog statt.

Ein weiteres Thema ist, dass plötzlich Aussagen auftreten, etwa in Sozialen Medien, in irgendwelchen Blasen, die schlichtweg die Wissenschaft herausfordern. Etwa: Es gibt keinen Klimawandel. Und es ist eben auch enorm wichtig, dass die Wissenschaft darauf in einer geordneten Art und Weise reagiert. Damit es eben nicht zu einer Vielfalt von unterschiedlichen Äußerungen kommt, sondern dass man sich mit solchen Themen auseinandersetzt, wenn sie wirklich grundlegende Aspekte in Frage stellen, wie wir das auch aktuell erleben. Und dass man darauf mit wissenschaftlichen, evidenzbasierten Antworten reagiert. Das halte ich für sehr wichtig. Denn wenn man diese Entwicklung einmal weiterdenkt: Wenn sich jeder seine Fakten selber schnitzt, dann braucht man auch keine Forschung mehr. Wozu sollte man sie dann noch brauchen? Jeder weiß es ja selbst besser.

Das ist aber die entscheidende Frage für die Gesellschaft: Wenn die Alternativen Fakten als wichtig genommen werden, wer braucht dann noch Wissenschaft und wie reagiert die Wissenschaft darauf?

Das ist für mich der zentrale Punkt. Ich halte die Kommunikation eigentlich für das ganz zentrale Thema in der Wissenschaft. Wissenschaft ist heute sehr kompetitiv, Wissenschaft ist teuer. Wir haben allerdings auch den großen Vorteil, dass immer mehr junge Menschen akademisch ausgebildet sind. Sodass man auf eine Gesellschaft trifft, die bildungsmäßig heute einen anderen Stand hat, als das vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Deshalb ist es auch logisch, dass diese Menschen heute anders eingebunden sein wollen und andere Erwartungen haben. Wenn wir das nicht befriedigen, dann übernehmen Fake News und Alternativen Fakten die Meinungsführerschaft und das kann für die Wissenschaft nicht gut sein.

Nun hat sich auch die Wissenschaft sehr stark verändert, nicht nur intern, wo ein steigender Kommunikationsbedarf sichtbar wird, sondern auch in ihren Wirkungen in die Gesellschaft hinein. Es gibt den Begriff der „transformativen Wissenschaften“, die gesellschaftliche Veränderungen zur Folge haben. Wie kann sich die Wissenschaft selbst intern darüber verständigen, diese multidisziplinären Anforderungen – an sie selbst, an ihre Kommunikation, aber auch an ihre Sichtweisen – zu bewältigen?

Ein Punkt ist sicher die interdisziplinäre Forschung, die wir ja schon realisieren, aber wohl noch nicht breit genug. Damit hat man einen größeren Fokus auf das Forschungsthema, spannt einen breiteren Rahmen auf. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir das weiter intensivieren.

Auf der anderen Seite sehe ich eine Chance in der interaktiven Kommunikation, die wir jetzt durch das Internet haben, ob über WhatsApp, Twitter oder andere Soziale Kanäle, etwa Blogs. Da ist man ja ganz anders eingebunden in die Interaktionen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, aber auch in fachlichen Bereichen. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wir haben jetzt die Erdbeben in Deutschland der letzten 1000 Jahre zusammengetragen und daraus abgeleitet, dass es am Rhein eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit von Erdbeben mit Magnitude bis 6,5 geben könnte. Das ist ein Problem für Köln, aber auch für den Oberrheingraben. Das führte natürlich zu einer politischen Diskussion, in Baden-Württemberg wurden die DIN-Vorschriften geändert, und wir wurden mit einem Sturm der Entrüstung von Bauunternehmen konfrontiert, die sagen, es ist ohnehin alles schon so teuer und jetzt sollen wir noch stärker erdbebensicher bauen.

Dann müssen wir auch Rede und Antwort stehen und können uns nicht nur auf die fachlichen Argumente zurückziehen. Diese Kommunikation muss man schon einmal geübt haben, um dann nicht in die Enge getrieben zu werden. Wir sind ja nicht nur mit sachlichen Fragen konfrontiert, sondern müssen uns auch mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen oder Gruppen auseinandersetzen und damit umgehen.

Ich denke einmal über ein einzelnes Projekt hinaus: Wenn Wissenschaft immer stärker in gesellschaftliche Vorgänge eingreift, muss sie dann nicht zwangsläufig zulassen, dass diese Gesellschaft auch immer stärker auf Wissenschaft Einfluss nehmen will?

Ja, ich denke, das ist eine Konsequenz, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wobei man immer im Blick haben muss, dass Wissenschaft eigentlich nie fertig ist, sondern dass wissenschaftliche Forschung ein kontinuierlicher Prozess ist, der immer weiter geht. Was heute richtig ist, muss morgen hinterfragt, bestätigt oder falsifiziert werden. Das ist ein wichtiges Element der Wissenschaft.

Um wissenschaftliche Ergebnisse richtig einschätzen zu können, muss man wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Deswegen ist es gut, dass viele Menschen heute akademisch ausgebildet sind und über ihre Masterarbeit oder Ähnliches einmal in den wissenschaftlichen Prozess eingebunden waren.

Doch das ist nur die eine Seite. Denn wenn ich der Gesellschaft etwa erzähle, ihr dürft keine fossilen Brennstoffe mehr nutzen, dann kommt natürlich die Gegenfrage: Wie soll es denn sonst gehen? Und dann werden wir auch konfrontiert mit ökonomischen Fragestellungen, mit sozialen Fragen. Das geht bis hin zu ganz fundamentalen Fragen, die aber wieder in der Wissenschaft aufgegriffen werden müssen, wenn das überhaupt geht. Es ist ganz selbstverständlich, dass es diese Fragen gibt und dass Wissenschaft sich ihnen stellen muss. Allerdings immer damit verbunden, zu erklären, was Wissenschaft ist, wie Wissenschaft funktioniert und welchen Beitrag wir leisten.

In den Akademien, beispielsweise bei acatech, sprechen wir nicht mehr von Empfehlungen, sondern von Optionen. Und zwar deshalb, weil wenn wir bei Politikern von Empfehlungen sprechen, ist das ein wenig wie beim Arzt, nach dem Motto: Wenn Du das nicht machst, bist Du morgen tot. So ist aber Wissenschaft nicht, sondern häufig gibt es Optionen. Auch in der Politik. Sonst hätten wir ja keine Parteien. Natürlich wollen alle etwa den Umweltschutz, aber es gibt unterschiedliche Ansätze, bei der CDU, den Grünen, der SPD oder bei anderen. Aber es muss eben jeweils auf Fakten basiert sein.

Es gibt andere Beispiele, etwa die Kernenergie. Da gibt es keine unterschiedlichen Fakten zur Atomphysik zwischen Frankreich und Deutschland. Aber es gibt einen anderen gesellschaftspolitischen Diskurs. Und das ist absolut okay. Wir führen ihn mit denselben Argumenten, aber die Argumente werden anders gewichtet. Es gibt bei uns offensichtlich eine geringere Risikobereitschaft kulturell oder wodurch auch immer. Und auch für uns Wissenschaftler ist es  interessant zu erfahren, warum wir in Deutschland kein CCS wollen, also die Speicherung von Kohlendioxid in geologischem Untergrund, warum wir keine grüne Gentechnik wollen. Es gab in Deutschland eine sehr starke Polarisierung. Die Politik hat beispielsweise bei der Kernenergie dann gesagt, und zwar mit fachlichen Argumenten: Ja, es geht ohne Kernenergie, weil wir schon so weit sind bei den Erneuerbaren.

Diese Interaktion zwischen wissenschaftlichen Fakten und gesellschaftspolitischen Diskussionen, auch parteipolitischen Diskussionen, da muss Wissenschaft lernen, damit umzugehen.

Wo könnte der Ort sein für diese Kommunikation in die Wissenschaft hinein? Wären da nicht die Akademien der ideale Ort? Und müssten sich die Akademien damit nicht viel mehr auch den gesellschaftspolitischen Themen widmen? Wenn ich nur an die gesellschaftspolitischen Veränderungen denke, die sich durch die künstliche Intelligenz ergeben.

Das ist ein sehr spannendes Thema, weil die Digitalisierung eine revolutionäre Veränderung ist. So sehe ich es jedenfalls. Und bei einer Revolution weiß man nie, was am Ende herauskommt. Da ist die Wissenschaft natürlich ein zentraler Teil, vor allem die Technikwissenschaften und die Naturwissenschaften, die das zunächst im Blickfeld haben. Sie sehen, bestimmte Dinge gehen voran, andere nicht. Ein ganz banales Beispiel: Wir haben zu wenig Funkmasten und für 5G benötigen wir noch viel mehr. Aber es gibt eben in bestimmten Bereichen keine gesellschaftliche Akzeptanz für noch mehr Masten. Es sind ja immer wieder diese Interaktionen. Natürlich sehen wir in der Wissenschaft auch die Aufgabe, der Gesellschaft zu erklären, warum das sein soll, aber wir erfahren dann eben auch, wie die Gesellschaft das einstuft. Und das ist ein ziemlich komplexer Kommunikationsprozess.

Zurück zur Frage: Wären die Akademien dafür der richtige Ort oder gibt es andere Player, wo diese Kommunikation stattfinden kann?

Ich denke, dass die Akademien ein geeigneter Ort wären. Wir müssten uns da sicherlich weiterentwickeln. Wir bräuchten dafür auch mehr junge Leute und Frauen. Aber das lässt sich schon machen, wir haben ja die jungen Akademien. Wir sind aber dafür nicht ausgestattet. Dazu braucht es auch eine entsprechende Finanzierung. Die Vorteile der Akademien sind ihre Unabhängigkeit, ihre Interdisziplinarität. Wir sind auch jetzt schon Teil dieser Transformationsprozesse, Teil dieser Transdisziplinarität. Gerade in der Diskussion die wir mit dem Bundesforschungsministerium führen, ist das aber schon eine Anregung.

Es gibt natürlich bereits Ansätze. Wir machen mit acatech zum Beispiel „acatech am Dienstag“, eine Veranstaltung, wo wir unmittelbar Bürger einladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber Dialog führen ist sehr aufwendig vor dem Hintergrund der Finanzen, die wir zur Verfügung haben. Es muss ja alles gut vorbereitet sein. Wir erleben eine auch regional durchaus unterschiedliche Resonanz. Mit den selben Themen in unterschiedlichen Kontexten erhalten wir mitunter ein völlig anderes Feedback. Das ist etwas, das wir in der Wissenschaft so gar nicht wahrnehmen. Dass in Franken etwa vieles anders diskutiert wird als in Oberbayern. All das müsste man aufgreifen. Es wäre ganz im Sinne eines positiven Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft, dass wir dafür Geld bekommen.

Wäre dafür auch eine Akademie für Wissenschaftskommunikation ein geeigneter Ort?

Der Vorschlag einer Akademie für Wissenschaftskommunikation, wie man das auch im Bundestag diskutiert, beziehungsweise in der entsprechenden Arbeitsgruppe, ist sicherlich ein wichtiges Thema. Ich will ein Beispiel nennen: Als vor vielen Jahrzehnten angefangen wurde, die Gelder für die Forschung nicht mehr unmittelbar an Lehrstühle oder Institute zu verteilen, sondern eine Grundfinanzierung einzuführen und den Rest im Wettbewerb zu vergeben, mussten plötzlich die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Management beherrschen. Bei Helmholtz haben wir sogar eine Management-Akademie gegründet, wo Forschende in unterschiedlichen Modulen die Fertigkeiten lernen konnten, die man dazu braucht. Das reicht ja bis hin zu Personalführung, zu Finanzierung, zu Bestellungen und so weiter. Ich glaube, es wäre in der Tat hilfreich, wenn wir auch eine solche Akademie für Wissenschaftskommunikation hätten, als Fortbildungsakademie, wo sich die Leute mit den notwendigen Kompetenzen stärker auseinandersetzen und wo wir eine Kompetenzvermittlung bekommen. Vor diesem Hintergrund halte ich das für eine gute Idee. Denn ich habe es erlebt: Als wir diese Managementakademie eingerichtet haben, wollten die Leute erst überhaupt nicht, und nach fünf Jahren war das ein Selbstläufer. Heute kommen Max-Planck, Fraunhofer und BMBF-Beschäftigte und schreiben sich für Module ein. Weil sie gelernt haben, diese zusätzlichen Fähigkeiten machen sich nicht nur gut im CV, sondern helfen ihnen bei der täglichen Arbeit.

Forschungsministerin Karliczek hat bei der Vorstellung des Papiers zur Wissenschaftskommunikation einen Kulturwandel der Wissenschaft hin zu einer „kommunizierenden Wissenschaft“ gefordert. Muss das nicht auch ein Kulturwandel für die interne Kommunikation der Wissenschaft sein?

Ich glaube sogar zuerst. Es müsste auf jeden Fall ein Kulturwandel der internen Kommunikation sein. Eines allerdings: Wissenschaft wird ja auch gemessen. Wir müssen unsere Finanzierungen rechtfertigen, insbesondere gegenüber den Rechnungshöfen. Da haben wir unsere konventionellen Kriterien. Es mangelt aber an Parametern für diese Kommunikationsaufgaben. Diese Parameter müssen auch Reputations-fördernd sein. Das ist ganz wichtig. Forschende in unserem kulturellen Kontext reagieren nur bedingt auf Geld im Sinne von höherem Einkommen, wichtig ist jeder Wissenschaftlerin und jedem Wissenschaftler die fachliche Reputation. Das kann nur intern geregelt werden.

Das zweite ist, für die Kommunikation auch die Kompetenz zu schaffen. Das sollte schon mit der Lehre beginnen. Und man muss darauf achten, dass man die Wissenschaftler nicht überfordert. Als Leiter eines Forschungszentrums unterschreibe ich eine Zielvereinbarung, wo es um die Zahl der Publikationen, der Doktoranden geht oder die Zahl der Ausgründungen. In der Zielvereinbarung steht aber nichts zum Thema Kommunikation.

Wenn wir bei dem bleiben, können wir aber nicht den Tag auf 26 Stunden verlängern. Sondern wir müssen dann an irgendeiner Stelle auch sagen, wenn uns das wichtig ist, dann müssen wir etwas anderes lassen, jedoch ohne Reputation zu verlieren. Das bedeutet, dass Kommunikation ein Teil der Anforderungen ist, die an die Wissenschaft gestellt und tatsächlich auch honoriert wird! Wovor ich ein bisschen Sorge habe, wenn jetzt jeder loslegt und in die Gesellschaft kommuniziert. Das ist für mich auch wieder ein starkes Argument für Wissenschaftsjournalismus. Denn je stärker wir nach außen gehen, desto stärker brauchen wir einen Wissenschaftsjournalismus, der bestimmte Dinge einordnet, der auch sagt, alles wunderbar, was ihr euch ausdenkt, aber es gibt auch diese Fakten und die muss man ebenfalls berücksichtigen. Dieses Korrektiv darf nicht fehlen.

Wie kann so ein Kulturwandel in der Wissenschaft realisiert werden? Allein durch Fördermittel vom Forschungsministerium doch sicher nicht.

Ja, aber es ist schon auch wichtig, dass diese Dinge materiell unterstützt werden. Aber entscheidend ist wohl die Forderung, die jetzt aufgestellt wird, Kommunikation soll Chefsache werden. Wir fordern bereits heute von Forschern bei Berufungen bestimmte Managementqualitäten. Das hat sich bewährt. Genauso kann man natürlich das Thema Kommunikation mit aufnehmen bei Berufungen oder bei der Einstellung von Nachwuchskräften. Man wird das nicht bei jeder Position tun. Es muss ja auch nicht jeder ein Super-Manager sein, aber selbst wenn sie einen Lehrstuhl an einer Universität innehaben und sie größere Projekte durchführen, brauchen Sie jemanden für das Management. Und wir brauchen natürlich auch Kompetenz im Kommunikationsbereich.

Dabei zeichnen sich oft auch junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus. Wir haben in Berlin eine Vereinigung gegründet, die die gesamte geowissenschaftliche Kompetenz der Region umfasst: Geo.X. zu der gehören allein 220 Professoren, über 1000 Doktoranden, fast 5.500 Studierende, mit bis zu 300 Millionen Euro Drittmittel jährlich. Bei diesen Doktoranden fällt auf, dass sie eine ganz andere Haltung zur Kommunikation haben als die arrivierten Wissenschaftler. Die haben schon eine ganz andere Wahrnehmung der Kommunikation. Da gibt es eine ganz andere Bereitschaft, mit anderen jungen Menschen im Kontakt zu sein. Das ist schon ein gewisser Kulturwandel, der sich da vollzieht. Der aber bei Auswahlprozessen noch nicht wirklich berücksichtigt wird. Das aber wäre wichtig, dass man das bei Auswahlprozessen auch berücksichtigt – jedenfalls da wo es relevant ist, und es ist in vielen und vor allem in immer mehr Fällen relevant.

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